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Kunstaktion:Nackt

Auch wenn es nicht den Eindruck macht: Simon Freund ist Privatsphäre und Datenschutz wichtig.

(Foto: oh)

Telefonnummer, Kontostand, Besitztümer - Akademie-Student Simon Freund gibt Dinge preis, die niemanden etwas angehen. Er sagt: "Es wäre schlimmer, allen ein Geheimnis von mir zu erzählen"

Das Plakat fällt auf. Große weiße Fläche und links oben ein Name und eine Telefonnummer: +49 173 37 42 908. Gibt man diese Ziffernfolge ein, erreicht man den Anschluss von Simon Freund, Student an der Akademie der Bildenden Künste. Freund wirbt mit diesem Plakat für seine aktuelle Ausstellung, die noch bis zum Sonntag, 24. Februar, in der Akademie-Galerie zu sehen ist.

Simon Freund hat keine Angst, seine Telefonnummer preiszugeben. Sie ist auch der Titel der Ausstellung, in der er sich für alle - mehr oder weniger - nackig macht. Er veröffentlicht seine Telefonnummer, seinen Kontostand, er zeigt all seine Besitztümer - und er zeigt seine Wohnung: 24 Stunden ließ er dort in allen Räumen eine Kamera laufen, auch im Bad, als er sich unter die Dusche stellte.

Freund, Jahrgang 1990, dunkelblaue Augen, kurze blonde Haare, die unter der weißen Mütze hervorscheinen, thematisiert mit seiner Ausstellung ein gesellschaftliches Phänomen. Was ist privat? Was zeige ich in sozialen Medien? Und was geht das dort Gezeigte die Allgemeinheit an? Freund enthüllt seine Realität, lässt die Betrachter in Zusammenhänge eintauchen, die keinen etwas angehen sollten, eigentlich. So offenbart er etwa auch, dass er - nach eigenen Angaben - derzeit knapp 39 000 Euro Schulden hat. Was geht das Menschen an, die ihn nicht kennen? Warum tut er das? Der Student sagt, er wolle einen Denkprozess anstoßen. "Es geht mir darum, darüber nachzudenken, ob wir jemanden tatsächlich kennen, wenn Informationen wie der Kontostand preisgegeben werden", sagt er. Wohnung, Handynummer, Besitztümer - "all diese Details sagen nichts über einen Menschen aus", und: "Es wäre viel schlimmer, allen ein Geheimnis von mir zu erzählen. Ich bin davon überzeugt, dass keiner sich eine Meinung über mich bilden kann, bis er mich persönlich kennenlernt. All diese Daten können nicht mein Menschsein ersetzen."

Auch wenn es erst einmal nicht den Eindruck macht: Freund ist Privatsphäre und Datenschutz wichtig. "Was ich mich aber bei der Realisierung dieser Ausstellung gefragt habe: Sind es Google und andere große Unternehmen, die von meinen Daten profitieren? Oder bin ich derjenige, der sie auf verschiedenen Wegen zur Verfügung stellt?" Viele Menschen fänden es krass, dass er seine Telefonnummer aufs Plakat drucke. Aber sei es nicht ebenso krass, sich halb nackt im eigenen Schlafzimmer auf Instagram zu zeigen?

Fragen, die sich viele Menschen stellen sollten. Statt sich zu verabreden, chatten sie miteinander, ein Großteil des Lebens findet in Social-Media-Kanälen statt. "Es wird eine Realität abgebildet, die es gar nicht gibt", sagt Freund dazu, "wir sollten wieder auf menschliche Beziehungen angehen." Er selbst hat bereits vor Jahren mit Social-Media Schluss gemacht - für einen jungen Künstler ein ungewöhnlicher Weg.

In der Galerie ist es kalt, es gibt keine Heizung, Simon Freund ist warm angezogen. Für die Ausstellung sollte der Betrachter ein Smartphone mitbringen, denn das Projekt verteilt sich auf drei Internetadressen, mit denen sich der Besucher verbinden kann: In einem Link wird alles präsentiert, was Freund besitzt, mit dem zweiten enthüllt er seinen tagesaktuellen Kontostand, und der dritte zeigt jedes Zimmer seiner Wohnung, die er für 24 Stunden aufgenommen hat. "Es ist mir total egal, ob das, was ich mache Kunst, Design oder Fotografie heißt. Mir ist es wichtig, dass sich Menschen durch meine Arbeit begegnen und reflektieren", sagt er. "Für mich hat das, was ich tue, mit Leben zu tun. Jede Erfahrung, die ich mache, jeden Gedanken, den ich habe, sofern er mir wichtig ist, will ich mit anderen teilen, und das mache ich durch meine Kunst."

Als Freund 18 war, zog er nach Berlin, um seinen eigenen Mode-Laden zu eröffnen. Er dachte damals, Mode sei etwas Kreatives, aber nicht so abstrakt wie Kunst, irgendwie sinnvoller in den Augen der anderen. Doch mit dem Modegeschäft geriet sein Kontostand ins Minus. In seiner Stimme ist keine Reue zu hören, sondern Entschlossenheit. Indem er sich immer mehr vor der Mode entfernte, näherte er sich der Verwirklichung seines Wunsches: etwas zu machen, woran er glaubt. Und trotzdem praktisch zu bleiben, wie zum Beispiel bei der Wohnungswahl. Freund studiert in München, wohnt aber in Gotha, Thüringen - rein aus praktischen Gründen: "Ich habe deutschlandweit eine Wohnung gesucht, die kalt 250 Euro kostet." Es kamen 16 Wohnungen in die Auswahl, "ich entschied mich für diejenige, die mir am besten gefiel". Da er immer noch studiert, muss er natürlich immer wieder in München sein - er kommt dann bei Freunden unter.

Seine aktuelle Ausstellung ist nicht die erste Aktion, mit der er auffällt. Im vergangenen Sommer stellte er Fotos aus. Sein Ansatz: Ist es möglich, ein Selbstporträt anzufertigen, auf dem man selbst gar nicht zu sehen ist? Um das herauszufinden, hat Simon Freund mit 100 Menschen die Kleidung getauscht. "Ich wollte eigentlich nur Leute in meinen Klamotten fotografieren und gar nicht selbst auf den Bildern sein", sagte er damals.

Heute steht sein Handy im Mittelpunkt. Wählt man die Nummer, landet man auf seiner Mailbox. Sein Handy steht in der Ausstellung. Er ist froh, wie er erklärt, einmal eine Woche lang nicht erreichbar zu sein.