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Kundgebung gegen Vorurteile:Stigma? Nein danke!

Bündnis will über psychische Erkrankungen aufklären

Ein Blog über die eigene psychische Erkrankung? So weit gehen wohl die wenigsten Menschen, auch im Bekanntenkreis von Dominique de Marné. Die meisten tun sich schon schwer, auch nur über ihre Krankheit zu sprechen: "Die Angst, jemand könnte davon erfahren, ist bei vielen nach wie vor riesengroß", sagt de Marné, eine junge Frau Anfang 30. Sie selbst geht offen mit ihrer Borderline-Erkrankung um. Unter ihrem Klarnamen schreibt sie auf dem Blog "Travelling the Borderline" über ihr Leben mit der Diagnose. Und sie wehrt sich in ihren Texten gegen die Stigmatisierung von psychisch erkrankten Menschen.

Beinahe jeder dritte Deutsche leidet nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums im Laufe seines Lebens an einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung. In München trifft dies laut dem Bündnis "ZehnZehn - Münchner Aktion für seelische Gesundheit"auf mehr als 300 000 Menschen zu. Das Bündnis, dem Sozialverbänden wie das Sozialpsychatrischen Zentrum München (SPZ) oder der Paritätischen Wohlfahrtsverband Oberbayern angehören, beklagt eine Vorverurteilung von psychisch Kranken durch die Gesellschaft. Den Betroffenen würde schnell jede Leistungsfähigkeit abgesprochen werden, dies mache es schwer, sich etwa gegenüber seinem Arbeitgeber zu outen. "Dabei ist es so wichtig, dass man sich öffnet", meint de Marné, die dem Bündnis ebenfalls angehört.

Um auf die Probleme im Umgang mit psychisch Erkrankten aufmerksam zu machen, veranstaltet das Aktionsbündnis "ZehnZehn" zum Welttag der seelischen Gesundheit am 10. Oktober um 16 Uhr eine Kundgebung auf dem Max-Josephs-Platz. Organisatorin Vera Hahn vom SPZ erhofft sich von der Demonstration einen Beitrag zum Umdenken in der Öffentlichkeit: "Vielen ist oft gar nicht klar, dass sie stigmatisieren." Die häufigsten Gründe für Vorurteile gegenüber psychisch Erkrankten seien Unwissenheit und daraus resultierende Ängste. "Deshalb wollen wir so gut es geht aufklären", erklärt Dominique de Marné.

Die Entwicklungen, die das Bündnis in den letzten Jahren im Umgang mit dem Thema festgestellt hat, sind unterschiedlich. Zum einen hat die Lobby der psychisch Erkrankten mehr Gehör in der Politik gefunden, auch einige Arbeitgeber oder Institutionen schlagen einen anderen Kurs gegenüber Betroffenen ein. Die TU München etwa veranstaltet im November eine Aktionswoche, in der sich Studierende über seelische Krankheiten informieren können. Andererseits bleibe die Situation von psychisch Erkrankten durch unsicherere Beschäftigungsverhältnisse und wachsenden Leistungsdruck schwierig.