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Kulturszene:"Die Stammlokale fehlen"

Von der MS Utting nach Wien: Bookerin Roxy Höchsmannn erzählt

Roxana Höchsmann

Roxy Höchsmann hat in Wien noch kein Boot auf einer Brücke gefunden, kann dafür aber auf der Donau bis nach Bratislava schippern.

(Foto: Hannah Wiesner)

Roxy Höchsmann hat auf der Alten Utting viele Events organisiert, von Literaturabenden bis zu einem Workshop für weibliche DJs. Bei Radio 80000 hatte sie eine Show, in der sie Literatur und Musik verband. Roxy, eigentlich Roxana, gehörte fest zur Münchner Kulturszene dazu. Und dennoch zog sie vergangenen Herbst nach Wien. Warum, und auch, was sie an München vermisst, erzählt sie bei einem Telefonat, während dem sie in einem Café am Donaukanal sitzt.

SZ: Du lebst jetzt schon einige Monate in Wien. Hast du angefangen, etwas an München zu vermissen?

Roxy Höchsmann: (lacht) Tatsächlich sind das die Stammlokale, die ich gar nicht so wahrgenommen habe, als ich noch in München gelebt habe. Jetzt fehlen sie mir doch. Zum Beispiel die Favorit Bar, das Baader Café und solche Orte, wo man hingegangen ist, Leute getroffen hat, die man kennt, wo gute Musik aufgelegt wurde und wo der Übergang zwischen Bar und Café verschwimmt.

Welche Spuren hast du in München hinterlassen?

Ich denke, ich habe eher so eine Stimmung hinterlassen: Dass man als junger Mensch etwas machen und ein Kulturprogramm auf die Beine stellen kann. Auch an weniger etablierten Orten. Zum Beispiel ist da der "Workshop für Female* DJs" auf der Alten Utting, den ich mitinitiiert habe. Ich freue mich richtig, dass der noch läuft und sich das Format weiterentwickelt hat.

Gibt es Orte wie die Alte Utting auch in Wien?

Bisher habe ich so etwas noch nicht entdeckt. Vielleicht müssten der Daniel Hahn und sein Team mal herkommen. Aber hier am Donaukanal sind sehr viele Cafés. Und da gibt es natürlich auch echte Boote, wie zum Beispiel ein Badeschiff, das auch ganz cool ist. Ein Schiff auf einer Brücke gibt es zwar nicht, dafür kann man mal eben ins Nachbarland Slowakei, nach Bratislava, schippern. Ganz so lange bin ich ja noch nicht in Wien, es gibt also immer noch Orte, an denen ich noch nicht war. Vielleicht entdecke ich ja auch noch so etwas wie die Utting oder den Bahnwärter. Dann gebe ich Bescheid.

Was kann München von Wien lernen?

Dass man Orte nicht unbedingt super hip machen muss, damit sie cool sind, gut funktionieren und Leute zusammenbringen. Das geht auch, wenn man ein altes Café so belässt, wie es ist. Hier gibt es alte Kaffeehäuser oder Bars, die stehen schon seit 50 oder 100 Jahren, und trotzdem treffen sich dort alle Generationen. Dass die Gelassenheit und der Stil der Orte erhalten bleibt, finde ich gut.

Der Gedanke von einem Ort wird weitergetragen?

Ja genau, dass das, was schon Jahrzehnte an irgendeinem Ort passiert, auch weitergetragen wird und nicht alles niedergerissen wird mit dem Gedanken: Wir machen hier jetzt die ultra-hippe, coole, frische Bar rein. Man kann auch das mitnehmen, was der Ort einem vorgibt. Vielleicht kann München noch etwas lernen: Nicht vor Vierteln zurückzuschrecken, die nicht im Zentrum liegen. Dass es auch in Randbezirken wert wäre, kulturelle Angebote zu starten. Und ganz wichtig: Nicht alles muss viel Geld einbringen.

Was hat Wien, was München nicht hat?

Wien ist viel offener und viel durchmischter. Sei es vom Alter her, von der Herkunft oder dadurch, was die Leute machen. Man lebt nicht so sehr in seinen Bubbles. Und Wien ist auf jeden Fall sozialer, man hat hier das Gefühl, dass sich die Stadt wirklich sorgt und kümmert.

Wie glaubst du, hat dich München geprägt?

München hat mich einiges an Organisation und Ordnung gelehrt. Dass man alles parat hat, vielfach absichert, wenn man etwas organisiert. Dass man Sicherheit schafft. Hier ist alles viel lockerer.

Du hast viel mit Literatur zu tun. Schreiben oder lesen die Wiener anders als die Münchner?

Ich schaue mich gerade im Café um, hier wird Zeitung gelesen, einer liest ein Magazin, dort jemand ein Buch. Mir ist aufgefallen, dass hier in der Öffentlichkeit noch ein bisschen mehr gelesen wird. Und dadurch, dass hier an der Kunst-Uni "Sprachkunst", also literarisches Schreiben, gelehrt wird, gibt es auch mehr junge Leute, die schreiben. Das wirkt sich auch auf Gespräche auf Partys aus. Mit Unbekannten debattiert man über die neuesten Romane oder bespricht aktuellen Gossip der deutshsprachigen Literaturszene. Das habe ich in München oft vermisst.

Kannst du die Gründe, nach Wien zu gehen, in einen Satz fassen?

Sogar in ein Wort: die Liebe. Klingt vielleicht kitschig, aber so ist es.

Nehmen wir an, du kommst für ein paar Tage nach München zurück: Was wäre das Erste, was du machen würdest?

Ich würde zuerst meine Freunde besuchen und mit denen in eine Boazn gehen. So etwas ähnliches gibt es hier auch, aber das Gefühl ist ein anderes. Und dann vielleicht ins Blitz. So ein Club fehlt hier.

© SZ vom 24.02.2020
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