Kreuze in bayerischen Behörden Erlass bringt mehr Unfrieden als Segen

SZ-Leser kritisieren Markus Söders Anordnung und sehen darin sowohl Wahltaktik wie auch ausgrenzende Tendenzen

"Kreuz und Haltung" vom 2./3. Juni und die Debatte um das vom bayerischen Kabinett verordnete Aufhängen von Kreuzen in Eingangsbereichen bayerischer Behörden:

Alles nur Tarnung

Kreuzzwang in öffentlichen Gebäuden, Reise nach Rom mit schönen Bildern von unserem neuen Ministerpräsidenten im Kreise kirchlicher Würdenträger. Kommt es noch schlimmer? Wer hat vergessen, mit welcher Vehemenz und Rücksichtslosigkeit Markus Söder sein Ziel verfolgt hat, Ministerpräsident zu werden. Von Anstand, Ethik oder christlichem Verhalten keine Spur. Das Ziel ist erreicht, und nun soll genau das, was in der Vergangenheit auf dem Weg zum Ministerpräsidenten ohne Bedeutung war, für Erfolge bei der kommenden Wahl simuliert werden. Kann man auf dieses widerliche Verhalten reinfallen? Dieser Mann kennt keine Grenzen. Profilierungsversuche durch Kreuze und Bilder aus dem Vatikan sollen Leistungen zum Wohle der Bürger ersetzen. Nur wer nicht in der Lage ist, das perfide Spiel zu durchschauen, kann unter diesem Ministerpräsidenten noch CSU wählen. Erich Gerling, Baldham

Da kann noch mehr hängen

Par ordre du mufti muss jetzt jedes bayerische Amt ein Kreuz aufhängen. Die Idee dazu hat ein smarter Franke bei seinen oberbayerisch-katholischen Spießgesellen stibitzt. Nun ja. Ich frage mich aber, warum noch kein Behörden-Obermotz auf die folgende Idee gekommen ist: Man hänge gehorsamst das Kreuz auf. Daneben platziere man aber gleichgroß einen Halbmond, einen Davidstern, einen Buddha. Dazu vielleicht noch einen Vishnu und ein Foto von Richard Dawkins. Das würde vielleicht nicht dem Geist, aber doch den Buchstaben der Verordnung genügen. Und der Graf von Montgelas oben im Himmel bei dem Gekreuzigten könnte vielleicht ein leises Lächeln über die von ihm geschaffene bayerische Verwaltung nicht unterdrücken. Ernst Horst, München

Ausgrenzung und Intoleranz

Angesichts des sinnlosen Streits darüber, ob ein Kreuz in bayerischen Amtsstuben hängen soll oder nicht, stellt sich mir die Frage, wann wir endlich verstehen, dass uns derartige Diskussionen nicht weiter bringen. Seit je her haben Symbole nur zu Ausgrenzung und Intoleranz geführt. Wer gegen ein Symbol ist, gehört nicht dazu und wird im Zweifel attackiert. Christen gegen Juden, Moslems gegen Ungläubige, Buddhisten gegen Muslime, Orthodoxe gegen Altgläubige. Die Liste der religiösen "Kriege" ist lang und endet scheinbar nie. Wer außerhalb der Gruppe steht, wird bekämpft.

Es wird Zeit, dass wir die gesamte Menschheit als Gruppe verstehen, denn wir haben immense Probleme, die wir nur gemeinsam lösen können. Kein Gott, weder Jesus noch Mohammed oder Buddha werden uns dabei helfen. Die Götter haben sich in den letzten 2000 Jahren ohnehin rar gemacht. Wir sind aufgerufen, uns selbst zu ändern, um den Planeten auch für kommende Generationen lebenswert zu erhalten. Abkehr von ständigem Wachstum, Hinwendung zu Demut, Bescheidenheit, Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung wären die Gebote der Stunde. Schon im April dieses Jahres haben wir die Ressourcen verbraucht, die uns für ein ganzes Jahr hätten reichen müssen. Wir suchen unser Glück in grenzenlosem Konsum und sind doch über die letzten Jahrzehnte nicht glücklicher geworden. Wir glauben den populistischen Versprechen der Politik, statt unseren eigenen Verstand endlich einzusetzen. Als Folge wird die halbe Welt inzwischen von Populisten, Ausgrenzern und Idioten regiert, deren vermeintlich einfache Lösungen unsere Problem nur verschärfen. Nein, einfach wird es nicht werden. Die notwendige Transformation wird uns viel abverlangen, aber wenn wir nicht endlich damit anfangen, wird uns auch das Söder-Kreuz in den Amtsstuben nichts mehr nützen. Ursula und Michael Wintermayr, Rehling

Unheilige Allianz

In Bayern werden also Kreuze aufgehängt. Unabhängig davon, was die Deko mit Original-Produkten kostet, gibt es viele Fragen: Wird hier nicht eine subtile Form der Diskriminierung kommuniziert, euphemistisch als "Tradition" verpackt? Ist das nicht eine Psycho-Taktik, um vorzugaukeln, der Staat sei stets wohl gesonnen, er agiere schließlich unter dem Kreuz, und wer den Staat in Frage stellt, der legt sich auch mit "Gott" an?

Die Motivation zur unheiligen Allianz mag Gegenstand von Spekulationen sein. Das vatikanische Verhängnis erlebt jedenfalls ein bayerisches Revival. Dabei glaubte man es eigentlich überwunden: Dank Karl-Heinz Deschner kennen wir doch die Kriminalgeschichte des Christentums in zig Bänden. Wir kennen die katholischen Jihads, die Kreuzzüge. Wir kennen die Inquisition und das Frauenfolter-Handbuch der Kirche, den "Hexenhammer". Wir haben von Mafia-Verstrickungen erfahren, von Milliarden-Geschäften. Und dank Ernst Klee wissen wir auch, dass die Kirche Holocaust-Tätern die Flucht nach Argentinien ermöglichte, ohne dass den Beteiligten, darunter der Papst, jemals der Prozess gemacht wurde. Und wir kennen den Kindesmissbrauch mit seinen internationalen Dimensionen, der den Benedikt vom Heiligen Stuhl haute.

Wenn wir das alles wissen, ist es erstaunlich, welche Gründe der Rechtsstaat hat, sich zu einer derart notorischen Institution zu bekennen. Ist der Rechtsstaat gerade dabei, wieder zum Unrechtsstaat zu mutieren?

Manche vermögen nicht erst seit den Snowden-Enthüllungen, totalitäre Tendenzen in Salamitaktik zu erkennen. Ein Heulen ist vielerorts schon da, geht Bayern jetzt einen weiteren Schritt zurück in Richtung Zähneklappern? Jörg Bröking, Witten

Es ist ein Kreuz

Die ganze Aufregung um den Kreuzerlass von Ministerpräsident Söder geht in die verkehrte Richtung. Eigentlich muss ihm höchster Respekt gezollt werden, da er ein klares Bekenntnis zum Kreuz der Behörden abgibt. Endlich ein Landesvater, der dazu steht, dass jeder Bürger, der eine Behörde betritt, sofort erkennt: Hier hast du, lieber Bürger, zu Kreuze zu kriechen, hier wirst du aufs Kreuz gelegt, hier hast du das Kreuz mit uns, hier kannst du uns kreuzweise! Und wenn du nicht kreuzbrav bist, dann wirst du mit uns über Kreuz sein! - Ein deutlicheres Zeugnis kann es nicht geben. Johannes Seiser, Hauzenberg

Damit sieht Söder ziemlich alt aus

Vor 200 Jahren ist in Bayern "Die Verfassungsurkunde des Königreichs Bayern vom 26. Mai 1818 nebst Beilagen und Anhängen" im Gesetzblatt 1818, VII-XVIII veröffentlicht worden und damit in Kraft getreten. Beilage II zur Verfassungsurkunde ist das "Edict über die äußeren Rechtsverhältnisse der Einwohner des Königreichs Baiern in Beziehung auf Religion und kirchliche Gesellschaften".

Paragraf 1 dieses Edikts lautet: "Jedem Einwohner des Reiches ist durch den 9. § des IV. Titels der Verfassungs-Urkunde eine vollkommene Gewissens-Freiheit gesichert." In keinem der 103 Paragrafen des Edikts behält sich der König das Recht vor, seine Souveränität durch Setzung von religiösen Symbolen zu legitimieren. Demgegenüber versetzt sich Ministerpräsident Söder mit seinem "Kreuz-Erlass" in die vorkonstitutionelle Zeit Bayerns. Das macht schon jetzt neugierig auf seine nächste karnevaleske Kostümierung. Tassilo Graf Montgelas, München

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