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Kommentar:Längst überfällige Aufklärung

Gewalt, Missbrauch, Vertuschung. Die Menschen akzeptieren nicht länger, was da im Namen der Kirche bis heute geschieht. Eine neue Untersuchung ist dringend nötig - und dient auch der Prävention

Von Bernd Kastner

Endlich, möchte man rufen. Endlich! Die Erzdiözese München und Freising tut, was längst überfällig ist. Sie will Namen derer nennen, die über viele, viele Jahre verantwortlich dafür waren, dass der Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch Priester nicht unterbunden und systematisch vertuscht wurde. Benennt die katholische Kirche die Verantwortlichen für das Systemversagen, dient das auch der Prävention: Wenn ihr nicht hinschaut und aufpasst, macht ihr euch mitschuldig. Das muss die Botschaft der neuen Untersuchung sein.

Es geht etwas voran im Bistum von Reinhard Marx, das ist gut. Traurig aber ist, dass es so lange gedauert hat, bis man unabhängige Anwälte mit einem neuen Gutachten beauftragt. 2010 waren die Münchner die ersten, die ihre Vergangenheit aufarbeiten ließen. Es sind zehn Jahre vergangen. Eine zu lange Zeit für Opfer, die darauf warten, dass man genauer hinschaut, auch in jene Kirchen und Klöster, die bisher nicht im Fokus standen.

Traurig ist auch, dass das Münchner Bistum offenbar durch Druck von außen dazu gebracht werden musste, diesen nächsten Schritt zu tun. Ist es doch ausgerechnet der konservative Gegenspieler des Münchner Kardinals, der Kölner Rainer Maria Woelki, der voranschreitet und demnächst einen transparenten Bericht veröffentlichen will. Das Münchner Gutachten liegt seit 2010 im Tresor.

Vor allem aber dürfte es das öffentliche Entsetzen sein, das Marx und sein Ordinariat antreibt. Die Menschen akzeptieren nicht länger, was da im Namen der Kirche bis heute geschieht. Dem Missbrauch folgte Vertuschen und Abwiegeln. Bis heute. Noch immer fühlen sich jene missachtet, die Opfer von Priestern und Mönchen wurden. Sei es, weil man ihnen nicht so recht glauben möchte, oder weil die Kirche feilscht: Soll man wirklich 5000 Euro für den Missbrauch zahlen, oder ist es nicht mit 3000 getan?

Das Schicksal der katholischen Kirche wird sich nicht allein daran entscheiden, ob genügend Priester nachkommen, ob sie zölibatär leben müssen, ob auch Frauen ins Weiheamt dürfen. Maßgeblich wird auch sein, ob es Marx und seinen Bischofskollegen gelingt, Vertrauen zurückzugewinnen. Eine Institution, die sich auf Gott beruft, darf nicht länger die Täter schützen. Sie muss auf Seiten der Opfer und der Schwachen stehen.

© SZ vom 28.02.2020
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