Kommentar Aber Nazi ist natürlich keiner

Ja, dürfen die vom Dokuzentrum das denn? Heutigen Rechtsextremismus zeigen? Sie dürfen nicht nur - sie müssen

Von Martin Bernstein

Sie werden wüten, die Rechtspopulisten und Islamfeinde, die sich so gerne als die wahren Konservativen darstellen. Eine Ausstellung über rechtsextremes Gedankengut nach 1945 im NS-Dokumentationszentrum. Und mittendrin die eigenen Positionen - und an ein paar Stellen sogar: sie selbst. Vielleicht wird auch der eine oder andere Bedenkenträger fragen: Ja, dürfen die vom Dokuzentrum das denn? Die Antwort gibt die Ausstellung selbst. Sie dürfen nicht nur - sie müssen. Weil die Institution ihren Auftrag ernst nimmt, Lern- und Erinnerungsort zu sein.

Wie könnte aus der Erinnerung an die NS-Zeit etwas gelernt werden, würde man nicht der Frage nachgehen, wie aus dem "Nie wieder!" ein "Schon wieder" und schließlich ein "Immer noch" werden konnte. Wenn rechtes Gedankengut immer noch und vielleicht sogar mehr als in früheren Jahren die Gegenwart zu beeinflussen versucht, dann darf ein NS-Dokumentationszentrum nicht beim Blick auf die Vergangenheit stehen bleiben. Und wenn dieses Gedankengut immer mehr in die Mitte der Gesellschaft eindringt, darf eine der Aufklärung und dem Lernen verpflichtete Institution nicht nur die Ränder ausleuchten.

Schonungslos, mit klarer Haltung und wissenschaftlich fundiert hält die Ausstellung der deutschen Gesellschaft den Spiegel vor: Wie kaum jemand sich empört, wenn gegen Juden, Ausländer, Homosexuelle, Sinti und Roma gehetzt wird. Wie salonfähig der Wunsch nach einem Schlussstrich unter die Geschichte ist. Wie lasch Sicherheitsorgane auf rechte Straftaten reagieren. Und wie Unsägliches wieder sagbar sein soll. Eines der widerlichsten Dokumente in der naturgemäß an Widerlichkeiten nicht armen Ausstellung redet offen der Judenvernichtung das Wort. Und dann schreibt der anonyme Verfasser: Er sei gewiss kein Nazi, aber . . .