bedeckt München

Katholische Kirche und Homosexualität:Tragische Scheinheiligkeit

SZ-Leser kritisieren eine schwierige Doppelmoral, weil im Klerus als Todsünde gegeißelt wird, was zugleich verbreitet ist

Als reine Männerveranstaltung ist die katholische Kirche attraktiv für Homosexuelle - zugleich verurteilt sie Homosexualität.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

"Ich lasse diese Macht über mich nicht mehr zu" und "Aussage gegen Aussage" vom 1./2./3. Januar sowie "Kritik an Predigt zu Homosexualität" vom 5./6. Januar:

Hochachtung

Wahrscheinlich kann man als Außenstehender nur erahnen, was es für einen katholischen Priester bedeutet, seinen eigenen Bischof, also einen Vorgesetzten, des sexuellen Missbrauchs zu beschuldigen und damit in die Öffentlichkeit zu gehen. Ich kann dem Priester Wolfgang Rothe nur meine größte Hochachtung aussprechen für seinen Mut und seine Ehrlichkeit.

Dass es 15 Jahre gedauert hat, bis er diesen Mut gefunden hat, ist mehr als verständlich. Vor 15 oder 10 Jahren hätte jeder bei solch einer abenteuerlichen Geschichte gesagt: "Das ist unglaublich! Das ist unvorstellbar!"

Leider hat die katholische Kirche in den letzten Jahren durch unzählige Skandale selbst dafür gesorgt, dass nichts mehr "unglaublich" und "unvorstellbar" ist. Wenn die katholische Kirche noch zu retten ist, was ich nicht für ausgemacht halte, dann dank solch mutiger und ehrlicher Leute wie dem Priester Wolfgang Rothe. Thomas Förster, Augsburg

Gefährliche Widersprüche

Die Beziehung zwischen homosexuellen Männern und der katholischen Kirche hat tragische Züge, keine Institution der Welt ist für sie attraktiver, keine aber auch gefährlicher. Einerseits ist die katholische Kirche eine reine Männerveranstaltung mit großer Auswahl an gleichgesinnten Partnern, die einen ausgeprägten, feminin angehauchten Bekleidungskult und ästhetisch ansprechende Präsentationen in repräsentativen Räumlichkeiten vor Publikum bietet.

Zudem verhindert der Zölibat unangenehme Nachfragen aus dem sozialen Umfeld nach einer Partnerin, während Freundschaften unter Klerikern durchaus erwünscht sind um der Vereinsamung im pastoralen Dienst vorzubeugen, denn Freundschaften zwischen Pfarrern und Laien in den Gemeinden sind ausdrücklich unerwünscht (so die Ermahnung von Kardinal Wetter an meinen Weihekurs im Jahre 1984). Nicht selten sind homosexuell veranlagte Männer auch pastoral die besseren Zuhörer und Seelsorger.

Tragisch nur, dass ausgerechnet diese Institution wie keine andere Homosexualität als Todsünde verurteilt und damit einen nicht unerheblichen Teil ihrer Mitarbeiter in mehr oder weniger große Gewissensnöte zwingt. Das hat den unbestreitbaren Vorteil, dass deren Schuldgefühle jeden Aufstand respektive Widerspruch gegen die Verurteilung ihrer sexuellen Veranlagung verhindern und sie zu gehorsamen Untertanen macht. Wer sich beugt, dem kann dann auch eine Karriere auf Basis homosexueller Beziehungen gelingen - was Papst Franziskus als "Schwulen-Lobby" kritisiert hat.

Keiner weiß das besser als Papst Benedikt, dessen Haltung gegenüber der Homosexualität an Widersprüchlichkeit nicht zu überbieten ist. Einerseits förderte er homosexuelle Kleriker in seinem Umfeld, andererseits untersagte er als Präfekt der Glaubenskongregation die Zulassung von homosexuell veranlagten Männern zur Weihe. Daher ist das Schicksal homosexueller Kleriker in der katholischen Kirche bis heute höchst widersprüchlich, manche kommen ganz nach oben, andere kommen unter die Räder. Dazu passt ihr Bericht über den Priester Dr. Rothe. Auch er wollte, wie viele andere in der Kirche, Karriere machen, das zeigt mir seine Promotion in Kirchenrecht bei Dr. Georg Gänswein. Dass er jetzt, doppelt promoviert und dennoch ohne Perspektive, eine gewisse Wut auf die Kirche und den zuständigen Bischof hat, kann ich sehr gut verstehen. Dennoch halte ich auch seine Argumentation für scheinheilig. Wieso glaubt er, durch sein Schweigen "Missbrauch begünstigt" zu haben? Wusste er etwas und hat nichts gesagt? Wenn er "diese Macht" über sich nicht mehr zulassen will, dann sollte er seine Stimme gegen die Homophobie in der katholischen Kirche erheben und seine Suspendierung riskieren. Will er dieses Risiko nicht eingehen, sollte er schweigen, seinen Dienst tun und so leben, wie er es für richtig hält - solange einer keinen Skandal provoziert, verzeiht die Kirche ihren Klerikern praktisch alles (nur wer heiraten will, fliegt raus).

Heute ist es kein Skandal mehr, homosexuell veranlagt zu sein, der Skandal ist eine Kirche, die auch von Klerikern gestützt und geleitet wird, die ihre homosexuelle Veranlagung verleugnen, verstecken und oft heimlich ausleben und mit ihrer Scheinheiligkeit die Glaubwürdigkeit ihrer Institution weiter erodieren lassen. Und Kleriker, die - wie Bischof Stefan Oster - glauben, die Homosexualität weiterhin als unmoralisch verurteilen zu müssen, sollten bedenken, welchen schon rein zahlenmäßig großen Verlust an Seelsorgern es zur Folge hätte, müssten sie auf ihre homosexuellen Brüder im Glauben verzichten. Markus Zehetbauer, Uffing

© SZ vom 23.01.2021
Zur SZ-Startseite