Katholiken und Protestanten Gesundgeschrumpft

Die Buntglasfenster stammen aus der alten Simeonskirche. In der neuen hängen sie dicht gedrängt - sie bleiben den Kirchgängern als eine Erinnerung.

(Foto: Lukas Barth)

Nicht einmal mehr die Hälfte der Münchner bekennt sich zu einer Kirche. Was tun? Bindung stärken, ethische Debatten mitgestalten. Und in kleinere Gotteshäuser umziehen - wie jetzt in Hadern. Die alte Simeonskirche wird abgerissen.

Von Jakob Wetzel

Es ist alles vorbereitet für den Neubeginn: An der Südwand sind Altar, Kerzenständer und Ambo aufgestellt, schräg gegenüber steht das Taufbecken, dazwischen sind über Eck die Kirchenbänke aus Eichenholz angeordnet. Die alten Buntglasfenster sitzen in ihren neuen Wänden, auch die Lichtanlage und die Videokameras sind betriebsbereit. Nur das große Kreuz fehlt noch, bis Sonntag. Dann wird es feierlich in die neue Kirche getragen - und der Umzug ist komplett.

Die Gemeinde ist für die alte Kirche zu klein geworden

Die evangelische Simeonsgemeinde in München-Kleinhadern begeht an diesem Sonntag von 14 Uhr an ein Fest, das selten geworden ist: die Weihe einer neuen Kirche. Es ist ein symbolträchtiger Tag dafür. An Pfingsten feiern Christen das Kommen des Heiligen Geistes und mit ihm die Gründung der Kirche an sich. Doch ganz ungetrübt ist die Freude an diesem Pfingstsonntag nicht. Denn für die Gemeinde bedeutet die Weihe der neuen Simeonskirche zugleich den Abschied von der alten, die sie mehr als 50 Jahre lang genutzt hat: die 1964 errichtete Simeonskirche, die wenige Meter von der neuen entfernt steht.

Die 1964 nach Plänen von Dirk Haubold gebaute Simeonskirche wird abgerissen.

(Foto: Florian Peljak)

Mit der Zeit ist die Gemeinde für den großen Bau zu klein geworden, der Unterhalt war nicht mehr zu bezahlen. Mit dem Umzug versucht sie jetzt, sich gesundzuschrumpfen. Sobald der abgeschlossen ist, soll die alte Kirche abgerissen werden.

Und so ist die Weihe der neuen Simeonskirche auf eine zweite Weise symbolträchtig: Sie ist ein Beispiel für die Herausforderungen, vor denen die Kirchen stehen. Seit Jahrzehnten wird Münchens Stadtgesellschaft säkularer, jedes Jahr ein bisschen mehr. Das spiegelt sich in Debatten, in denen die Stimmen der Kirchen weniger stark gehört werden als früher - zum Beispiel im Streit über das Tanzverbot vor "Stillen Tagen", das vor wenigen Jahren gelockert worden ist.

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Und es spiegelt sich in den Zahlen: Ende des vergangenen Jahres bekannten sich nur noch 46,2 Prozent der fast 1,5 Millionen Münchner zur katholischen oder zur evangelischen Kirche. Zum Vergleich: Zur Jahrtausendwende waren es fast zwei Drittel gewesen. Seitdem ist München gewachsen, die Zahl der Einwohner hat sich um etwa 230 000 erhöht. Die Zahl der Kirchenmitglieder aber ist im gleichen Zeitraum um etwa 30 000 Gläubige gesunken.

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Was tun? Die Antworten darauf sind in beiden Kirchen ähnlich. Pfarrer müssten für die Gläubigen ansprechbar sein, um die Bindung zu stärken. Die Kirchen müssten Profil und Präsenz zeigen. Bei den großen ethischen Debatten stehe die Kirche geradezu in der Pflicht mitzugestalten, sagte im vergangenen Jahr etwa der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Und Reinhard Marx, der katholische Erzbischof von München und Freising, forderte zuletzt wiederholt, die Kirche müsse sich neu in die Gesellschaft einbringen - dann werde sie auch gehört.

Kurzfristig aber stellen sich andere Probleme, in München besonders für die evangelische Kirche: Viele ihrer Gebäude wurden in den Sechzigerjahren errichtet und kommen in die Jahre. Doch sie zu sanieren, kostet - und im Münchner Dekanatsbezirk ist das Geld knapp, nicht erst seit sich die Kirche 2013 mit Finanzanlagen verspekuliert hat. Ein Abteilungsleiter im Kirchengemeindeamt hatte Geld in Energie- und Recyclingfirmen investiert, die insolvent gingen, bis zu 12,9 Millionen Euro gelten als gefährdet.

Die alte Kirche wurde verkauft

Auf den 350 Plätzen der alten Kirche saßen zuletzt nur noch an die 80 Gläubige.

(Foto: Florian Peljak)

Doch schon zuvor war dem Dekanat klar, dass manche Gemeinde kürzer treten muss. Seit Jahren prüft die evangelische Kirche, wo Gemeinden gemeinsame Häuser nutzen können und auf welche Gebäude die Kirche verzichten kann. In Kleinhadern zeigt sich jetzt, was das konkret bedeuten kann.

Hier hat die Gesamtkirchengemeinde im vergangenen Jahr die alte Simeonskirche für 500 000 Euro an den Sozialdienstleister Augustinum verkauft. Der wird die Kirche abbrechen und an ihrem Ort wohl Erweiterungsbauten für seinen Komplex aus Wohnstift und Klinik errichten. Der Kirchenvorstand hat dem Verkauf nach langen Diskussionen zugestimmt, als klar war, dass es Ersatz geben soll. Der Architekt Robert Rechenauer hat den Gastraum des ehemaligen "Café Nashorn" zur Kirche umgebaut. Eigentümer ist das Augustinum, aber die Simeonsgemeinde darf den Raum kostenlos nutzen, ebenso die Nachbarn und die Bewohner des Wohnstifts. In deren Zimmer werden die Gottesdienste per Video übertragen. Und es werden hier auch katholische Gottesdienste gefeiert werden.

Die neue Simeonskirche ist ein warmer und einladender Ort geworden. "Die Idee war, dass auch durch wenige Leute bereits eine dichte Atmosphäre entsteht", erklärt Rechenauer. Die Kirchgänger sitzen hier künftig nahe beisammen. Die neue Kirche ist erheblich kleiner als die alte: Statt 350 Sitzplätzen gibt es nur noch 120, die Grundfläche ist auf etwa ein Viertel geschrumpft. Die Gemeinde nutzt kein ganzes Haus mehr, sondern nur noch ein Zimmer in einem flachen Gebäude, das sie sich unter anderen mit einem Konzertsaal und einem Konferenzraum teilt.

Wie groß der Unterschied ist, zeigen die Glasfenster, die der Künstler Heiner Schuhmann für die alte Simeonskirche entworfen hat. Dort waren sie seitlich im Kirchenschiff angebracht, eines neben dem anderen. Jetzt hängen sie dicht gedrängt auf drei Seiten der neuen Kirche, jeweils zwei übereinander - und dabei erheblich näher an den Gläubigen, "viel besser erfahrbar", wie Rechenauer sagt. Die Fenster sind eine Erinnerung an die alte Kirche. Und wenn es draußen dunkel ist, dann werden sie von hinten beleuchtet.