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Jubiläum:"Wenn ich Technik sehe, dann kribbelt's"

TÜV Süd feiert sein 150-jähriges Bestehen

Keine Ahnung, wie viel Barbara Schöneberger für die Moderation eines Gala-Abends inklusive Gesangseinlage so verlangt. Fakt ist: Sie ist jeden Cent wert. Der TÜV Süd, der seit Januar 150-jähriges Bestehen feiert, setzte 2015 mehr als zwei Milliarden Euro um. Da wird im Etat schon ein angemessener Betrag für die Feierlichkeiten eingestellt worden sein, die nun in Japan, Brasilien, Shanghai, Mumbai et cetera weiter gehen. Die Gage für Schöneberger war - wie gesagt - verdammt gut investiert.

Ein Termin beim TÜV ist für manche wie ein Date beim Zahnarzt: muss halt sein. 150 Jahre: ein Jubiläum, bei dem man um den ganz großen Rahmen gar nicht herumkommt. Das Haus der Kunst ist die adäquate Location, bietet es doch Platz für 500 Hochkaräter aus Wirtschaft und Politik, sowie für ein paar Show- und TV-Sternchen. Vor dem Eingang steht die Zukunft: ein Tesla, im absoluten Halteverbot. Drinnen springt einen in riesigen Lettern der Slogan des Abends an: "Inspiring trust". Very international, aber angemessen. Schließlich sind im Heer der Anzugträger auch einige Herren aus Fernost auszumachen.

Die wundern sich bestimmt, dass es erst mal kracht: Ein Video erinnert an die Explosion eines Dampfkessels, die einst zur Gründung des Vereins führte. Im nächsten Raum künden ein Brezelkäfer und ein Bulli (beide TÜV bis 2017) vom Wirtschaftswunder, noch ein paar Schritte weiter geht es um Cyber Security - logisch, dass es an der Bar rätselhaft brodelnde und qualmende Molekular-Cocktails wie den Blue Secco gibt. Auch der Gaumen wird versorgt, wenn auch einen Tick zu heftig, wie Acquarello-Chef Mario Gamba findet: "Hui, das war jetzt aber viel Knoblauch", meint er nach einem Gazpacho-Shot aus dem Hause Käfer.

Was Autos angeht, ist ihm wenig Begeisterung zu entlocken: "Gebrauchsgegenstände, mehr nicht", sagt er. Als Oldtimer-Fan outet sich der Chef des Deutschen Museums, Wolfgang Heckl: "In Italien musste ich mal einen Fiat Campagnola kaufen. Ging nicht anders." Probleme mit dem TÜV? Immer gut durchgekommen, wie auch Alfred Sauter von der sogenannten Altminister-Gang des bayerischen Landtags. Zu der gehört auch Erwin Huber, dessen Anwesenheit womöglich mit der Abwesenheit des Ministerpräsidenten korreliert - mutmaßt Werner Weidenfeld: "Als Seehofer sah, dass der Huber kommt, hat er abgesagt", scherzt der Politikwissenschaftler. Ersatz steht bereit: Ilse Aigner, als staatliche geprüfte Elektrotechnikerin eh näher am TÜV als der gelernte Amtssekretär Seehofer. Sie sagt: "Wenn ich Technik sehe, dann kribbelt's."

150 Jahre TÜV Süd

Am 6. Januar 1866 gründeten 22 badische Unternehmer die "Gesellschaft zur Überwachung und Versicherung von Dampfkesseln mit dem Sitze in Mannheim". Sie reagierten damit auf ein Unglück, das sich im Jahr zuvor in der Brauerei zum "Großen Mayerhof" ereignet hatte: Ein Riss in der Hülle des Dampfkessels hatte dort zu einer Explosion geführt, die ein Menschenleben forderte und mehrere Verletzte. Erster TÜV-Prüfer wird der 29-jährige Ingenieur Carl Isambert. Heute hat der TÜV weltweit 24 000 Mitarbeiter an 300 Standorten.

Dafür, dass die Wirtschaftsministerin wenig Zeit hat, spricht sie ganz schön lange, und auch Axel Stepken, Vorstandsvorsitzender des TÜV Süd, holt weit aus. Kernsätze: "Erst Sicherheit lässt aus Innovationen Fortschritt werden. Nur wenn die Menschen einer Technologie vertrauen, wird sie sich am Markt durchsetzen." Wolfgang Reitzle, Aufsichtsratsvorsitzender der Linde AG und der Continental AG, stellt in Frage, ob die Politik für die Entscheidung im September, Flüchtlinge im Land aufzunehmen, die TÜV-Plakette bekommen hätte. All die Reden, diverse Einspieler und auch noch einen iPad-Zauberer hat Barbara Schöneberger zu verbinden, was ihr auf bewundernswerte Weise gelingt.

Sehr schade, nein, total unangemessen dagegen das Verhalten vieler Gäste beim Konzert der Sängerin Schöneberger: Schnell das Handy zum Foto gezückt und dann in voller Lautstärke weiter palavert, mit dem Rücken zur Künstlerin, als gäbe es sonst nirgends Platz dafür. Ein paar Asiaten ganz vorn beim Flügel verstehen die süffisanten Texte der Sängerin wohl eher nicht, schweigen aber immerhin und lächeln vorsichtig. Und Schöneberger? Kann sich einen kleinen Hieb nicht verkneifen: "Das hier wirkt immer noch auf mich wie das 30-jährige Treffen eines Jungen-Gymnasiums."