Jubiläum Vom Karzer zum Lernhaus-Konzept

Münchens erster Stadtschulrat musste vor 150 Jahren ohne Angestellte auskommen, heute ist das Bildungsreferat mit 15 500 Mitarbeitern das größte der Stadt. In einer Ausstellung zeigt die Behörde, wie sich das Schulwesen seit dem 19. Jahrhundert verändert hat

Von Jakob Wetzel

Marode Schulgebäude, mangelnder Platz und zu wenig Lehrer: Manches, mit dem sich Münchens erster Schulrat vor 150 Jahren herumschlagen musste, wird Schulrektoren noch immer vertraut vorkommen. Dabei sind die heutigen Schulen mit den Zuständen von einst kaum zu vergleichen. Heute werden Grundschulen nach dem Lernhausprinzip errichtet, also in kleinen Lern-Einheiten; in den Klassen sitzen im Schnitt 22 Kinder. Um 1870 waren es durchschnittlich 68. Fragen stellen sollten diese in der Klasse eher nicht, diskutieren schon gleich zweimal nicht, gefragt waren Gehorsam und Auswendiglernen. Einheitliche Lehrpläne gab es keine, Schulstreiks auch nicht. Lehrer durften Schüler schlagen. Und zu jeder Schule gehörte noch um das Jahr 1900 standardmäßig ein Karzer, eine Arrestzelle.

Es ist nun 150 Jahre her, dass die Stadt begonnen hat, das Schulwesen in München neu zu ordnen, und das hieß nicht zuletzt, die Schulen aus dem Einflussbereich der katholischen Kirche zu lösen, um selber Akzente zu setzen. Am 14. Mai 1869 rief der Münchner Magistrat das Amt des städtischen Schulrats ins Leben. Und was danach geschah, daran erinnert das städtische Bildungsreferat jetzt mit einer Ausstellung, die bis Ende September im sogenannten Glasgang im Referat an der Bayerstraße 28 zu sehen ist. Aus dem anfangs mäßig mächtigen Posten des Schulrats - der erste Amtsinhaber Georg Nikolaus Marschall hatte keine eigenen Mitarbeiter und kaum Geld zur Verfügung, und überhaupt hatte München damals nur etwa 170 000 Einwohner - hat sich das heutige Referat für Bildung und Sport entwickelt, das mit rund 15 700 Mitarbeitern und einem Etat von rund 1,6 Milliarden Euro größte Referat der Stadt, wie Bürgermeisterin Christine Strobl bei der Eröffnung der Ausstellung am Donnerstag sagte.

Das Referat kümmert sich auch um den Freizeitsport - ein Plakat von 1963.

(Foto: Bildungsreferat München)

Das Referat kümmert sich um die Gebäude und die Ausstattung von 350 öffentlichen Schulen. Mit 124 eigenen Schulen ist München laut Bildungsreferat die größte kommunale Schulträgerin in Deutschland. 75 000 Schülerinnen und Schüler besuchen die städtischen Schulen. 22 000 Kinder gehen in städtische Kitas. Dazu unterhält das Bildungsreferat 615 Sportstätten. Am 14. Mai, dem Jahrestag der Referatsgründung, wollen Bürgermeisterin Christine Strobl und Stadtschulrätin Beatrix Zurek mit Kindern auf dem Marienplatz 150 Luftballons fliegen lassen.

Die Ausstellung ist für das Bildungsreferat ein Blick in die eigene Geschichte. Eigentlich aber erzählt sie von der Vergangenheit Münchens. Von der Armut der Menschen etwa: So gab es in Münchner Schulen einst Brausebäder für die Kinder, weil viele zu Hause keine Gelegenheit hatten, sich richtig zu waschen. Einige Kinder blieben dem Unterricht fern, obwohl für alle zwischen sechs und zwölf Jahren Unterrichtspflicht galt. Doch die Schulwege waren weit, und viele Kinder mussten mitarbeiten, auf dem Hof oder in der Werkstatt. Um 1920 gab es in vier Münchner Schulen eigene Zahnärzte; sie behandelten die Schüler kostenlos.

Kinder im Feriensportprogramm auf der städtischen Sportanlage an der Gaißacher Straße in Sendling.

(Foto: Tobias Hase)

In den Schulen spiegelt sich auch, wie die Menschen mit Minderheiten umsprangen. Behinderte Kinder etwa wurden separat unterrichtet, wenn überhaupt. Nicht-katholische Kinder mussten ebenfalls unter sich bleiben. Dass es ab 1873 eine erste "Simultanschule" gab, in der katholische, evangelische und auch jüdische Kinder zwar weiterhin in getrennten Klassen saßen, aber immerhin alle unter einem Dach, war bereits ein Fortschritt. Die Trennung nach Konfession blieb bis in die 1960er Jahre Standard. Ende des 19. Jahrhunderts richtete die Stadt "Ausländerklassen" ein, in denen Ortsfremde unter sich blieben. Die Idee war, dass sie die Stadt sowieso bald wieder verlassen würden.

Mädchen war die höhere Bildung lange verwehrt, sie sollten später einmal zu Hause bleiben und sich um Heim, Herd und Familie kümmern. Erst ab 1912 konnten sie sich an der städtischen Luisenschule aufs Abitur vorbereiten, das war ein Novum an öffentlichen Schulen. In Volksschulen saßen Mädchen und Jungen zwar im selben Gebäude, aber in unterschiedlichen Flügeln mit jeweils eigenen Eingängen. Buben wurden im späten 19. Jahrhundert in der Regel von Männern unterrichtet, Mädchen von Frauen. Bis in die Sechzigerjahre mussten Mädchen in der Schule Röcke tragen.

Die Klasse der Volksschule an der Hohenzollernstraße gälte heute als überfüllt; in den Zwanzigern war die Schülerzahl normal.

(Foto: Bildungsreferat München)

Die Ausstellung erzählt auch davon, wie die Stadt 1907 damit begann, eigene Kindertagesstätten zu unterhalten; die ersten Kindergärten waren aus privaten Initiativen entstanden. Eine Gruppe fasste damals bis zu 50 Kleinkinder. Und die Ausstellung berichtet von Reformen. Etwa davon, wie Stadtschulrat Georg Kerschensteiner zu Beginn des 20. Jahrhunderts die beruflichen Schulen mit einer damals neuen Idee revolutionierte: Er verband den Unterricht mit der Ausbildung in den Betrieben. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen sollten die Lehrlinge auch lernen, was sie speziell für ihre Berufe brauchen konnten. Angehende Schreiner etwa sollten Holzbearbeitungstechniken kennenlernen, künftige Textilverkäuferinnen sollten alles über Stoffherstellung erfahren. Die Schulen erhielten Werkstätten.

1920 kam der Sport hinzu, anfangs als eigenes Referat in der Stadtverwaltung, später als "Abteilung für Leibesübungen innerhalb und außerhalb der Schulen" als Teil des Schulreferats. Neu errichtete Schulen erhielten ab dem späten 19. Jahrhundert jeweils einen Turnsaal für das Geräteturnen sowie einen für "Frei- und Ordnungsübungen", eine Art Exerzieren.

Gerade der Sport geriet besonders ins Visier der Nationalsozialisten: Sie erhöhten die Sportstunden schon bis 1935 von zwei auf fünf Schulstunden pro Woche. Die Kinder sollten zu kräftigen, wehrbereiten Soldaten großgezogen werden; paramilitärische Übungen sollten sie auf den Krieg vorbereiten. München, die damalige "Hauptstadt der Bewegung", nahm im Staat der Nationalsozialisten eine Vorreiterrolle ein. Die Ideologie des Regimes wurde hier besonders früh und radikal umgesetzt - und die Schulen machten dabei keine Ausnahme. Das Münchner Schulreferat verbot bereits 1936 jüdischen Kindern den Besuch öffentlicher Schulen. Im gesamten Deutschen Reich wurde dieses Verbot erst zwei Jahre später eingeführt.

Die Ausstellung wirft auf all das einen breiten Blick. Alte Fotografien sind zu sehen und Schulmöbel aus verschiedenen Epochen. Es gibt interaktive Spiele, die Besucher können etwa Kinderfiguren per Magnet Kleidungsstücke aus verschiedenen Zeiten anziehen, und es gibt ein Memory-Spiel mit historischen und aktuellen Fotos von Schulen. In einer Medienstation sind Interviews mit bekannten Münchnerinnen und Münchnern abzurufen, die von ihrer Schulzeit erzählen. Ihre Erinnerungen sind nicht immer positiv. Die Fahrradprüfung in der Schule sei das Schrecklichste in seinem Leben gewesen, erinnert sich zum Beispiel der Kabarettist Christian Springer, der 1971 eingeschult wurde. Er habe nicht Radfahren können, könne es immer noch nicht gescheit, aber das habe damals niemand gewusst. Er habe sich geschämt. Immerhin, sagt er im Interview: "Ich denke, die grobe Autorität der Schule hat meinen Widerspruchsgeist geschärft. Davon lebe ich heute als Kabarettist."

Die Ausstellung "Münchner Bildungswege seit 1869" ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr im Referat für Bildung und Sport an der Bayerstraße 28 zu sehen. Der Eintritt ist frei.