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Jesiden in München:Ort der Hoffnung

"Wie eine Familie": Israels Generalkonsul Dan Shaham (rechts) im Gespräch mit Vertretern der jesidischen Gemeinde in München.

(Foto: Stephan Rumpf)

Für die 4500 Jesiden in München ist eine Baracke mehr als nur ein Kulturzentrum. Es hilft, die Angst zu überwinden

Die neue Heimat liegt im Verborgenen. Die Eisentür der Baracke in einem Hinterhof steht weit offen, nach draußen dringt Kinderlachen. Drinnen toben Kinder zwischen Tischen, junge Mütter betrachten geduldig das Treiben. "Es ist sehr familiär hier", sagt Jamal Yazdin. Der junge Mann mit Wollmütze steht in einer Ecke des mit Neonröhren erhellten Raums und lächelt. Yazdin betreut hier einmal in der Woche die Jugendlichen, die sich in der Halle treffen. Dann diskutieren sie oder spielen Fußball zusammen. "Wir schauen, dass sie keine Angst mehr haben", sagt er. Angst vor den bedrohlichen Bildern im Kopf, Angst vor der Vergangenheit, aus der sie fliehen konnten. Die Baracke in Sendling ist tatsächlich eine neue Heimat geworden für die Gemeinschaft der Jesiden in München.

Heute ist ein Festtag für die jesidische Gemeinde. Der israelische Generalkonsul Dan Shaham hat sich angekündigt, ebenso der Münchner Arzt und Geschäftsmann Irving Weissmann mit seiner Familie. Der hat einen Scheck dabei, um die Münchner Jesiden finanziell zu unterstützen. Weissmann und Shaham haben bereits viel für die vom Islamischen Staat verfolgte Religionsgemeinschaft getan. Nach jahrelanger vergeblicher Suche gelang es vor eineinhalb Jahren, das Gebäude im Münchner Süden als Jesidisches Kulturzentrum nutzen zu können. Seither treffen sich dort regelmäßig bis zu hundert Familien der insgesamt 4500 Jesiden in München. "Es ist eine ganz junge Gemeinde, die ihre ersten Schritte in München macht, um eine stabile, starke Gemeinschaft zu sein", sagt Generalkonsul Shaham. Dank des Kulturzentrums können sich die Jesiden nun austauschen, ihre Tradition und Religion pflegen und sich sogar fortbilden. Denn die Geldspende von Weissmann und seiner Familie dient dazu, Deutschkurse insbesondere für die jesidischen Frauen zu finanzieren. Während die Männer tagsüber bei der Arbeit sind, sitzen die zumeist jungen Mütter zu Hause. "Integration fängt mit Frauen an", sagt Shaham. Er habe deshalb bei der Ludwig-Maximilians-Universität angefragt, ob Studenten bereit wären, Deutschunterricht zu geben. Spontan sagten drei Lehramtsstudenten zu, die bereits in dieser Woche mit dem Unterricht für die jesidischen Frauen beginnen wollen.

Bereits beim ersten Treffen mit den künftigen Deutschlehrern hören die Frauen aufmerksam zu. Sie wollen lernen, sich in München integrieren, das spürt auch der israelische Generalkonsul, dessen Ehefrau Charmaine Hedding ihn auf die Situation der Jesiden aufmerksam gemacht hatte. Mittlerweile sei für ihn die jesidische Gemeinde in München "wie eine Familie". Das Lob bekommt der im israelischen Ashdod geborene Diplomat prompt zurück. Die Unterstützung der Gemeinde durch Shaham sei "ein Licht der Hoffnung", sagen die Münchner Jesiden über ihn.

Hoffnung, das ist es, was die zumeist aus dem Nordirak geflohenen Menschen am meisten brauchen. Viele sind noch immer traumatisiert von den schrecklichen Erlebnissen in ihrer alten Heimat. Frauen und Kinder wurden von der Terrororganisation Islamischer Staat entführt und versklavt, Tausende getötet oder verletzt. "Kein Leben in Ezidien ohne internationalen Schutz", steht auf einem Papier an der Wand des Kulturzentrums. Daneben ist das Foto einer weinenden Frau zu sehen, auf anderen Bildern sind Familien auf der Flucht durch wüstes Land, auch Tote sind auf einem Foto. Seit Jahrhunderten wird die Religionsgemeinschaft der Jesiden, die vor allem im Nordirak, in Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei lebt, wegen ihres Glaubens verfolgt, unterdrückt und getötet. Dabei kennt die monotheistische Religion, die als wesentlich älter als das Christentum gilt, keinen missionarischen Ansatz. Jesiden können lediglich untereinander heiraten, sonst werden sie von der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Im Kulturzentrum der Jesiden in München erinnert eine große Fotografie von der Grabstätte Scheich Adi ibn Musafirs, des zentralen Heiligtums der Jesiden im kurdischen Lalisch, an die alte Heimat. Die Gemeinschaft hält auch im fernen Bayern an ihren Traditionen fest. Jamal Yazdin und einige seiner Freunde unterrichten sogar junge Jesiden in ihrer Heimatsprache. Die Kinder sprechen fließend und ganz selbstverständlich deutsch, einige ihrer Mütter hingegen werden die Sprache nun erst richtig lernen mit Hilfe der Münchner Studenten. Einen großen Wunsch haben allerdings noch einige der jesidischen Frauen. Sie möchten sich gerne traditionelle Kleider anschaffen - für besonders festliche Anlässe.

© SZ vom 15.11.2016
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