Ja, Panik in München Nicht schlecht, Herr Spechtl!

Wie Bob Dylan und Falco in einer Person: Die Indie-Rock-Band Ja, Panik zelebriert bei ihrem Konzert im Feierwerk die schönste Depression der Welt.

Von Bernhard Blöchl

Es gibt Rotwein zur "Depressions-Oper", viel Rotwein. Zunächst pichelt Andreas Spechtl noch aus dem Glas, doch bei den Zugaben gibt sich der Sänger von Ja, Panik die Flasche. Er hat es sich verdient, dieser ausdrucksstarke und spindeldürre Poet: Gerade hat er mit seiner Indie-Rock-Band ein aufwühlendes, ein beeindruckendes Konzert gegeben - und damit die Lobeshymnen der Kritiker auf das aktuelle, vierte Album bestätigt.

Die "kleine Depressions-Oper", wie Spechtl das München-Gastspiel im Feierwerk ankündigt, ist die Live-Darbietung einer Platte, die schon durch ihren kryptischen Titel "DMD KIU LIDT" auffällt. Sie hat den österreichischen Wahl-Berlinern die Ernsthaftigkeit gebracht, die ihnen anfangs fehlte, um als bedeutende Band im Indieversum neben Blumfeld und Tocotronic wahrgenommen zu werden.

Einst war Protest und pubertäres Aufbegehren, jetzt ist Angst und Melancholie: Spechtl singt von Vereinsamung, Traurigkeit und Kapitulation. Aber nein, er singt nicht, er inszeniert. Fesch mit Anzug und Krawatte hängt er im Dunkeln, die nervösen Lichtkegel haben Schwierigkeiten, ihn zu fassen. Viele haben Schwierigkeiten, ihn zu fassen. Seine unwiderstehliche Extravaganz, deutsche und englische Textzeilen zu mischen, dabei österreichischen Dialekt einzupassen und die Grenzen zwischen Gesang und Sprechgesang neu auszuloten, hat er perfektioniert. Zum knarzigen Post-Punk seiner Mitmusiker an Gitarre, Bass, Schlagzeug und Klavier verzehrt sich Spechtl, als wäre er Bob Dylan und Falco in einer Person.

Wer eine "Depressions-Oper" ankündigt, beherrscht natürlich die Kunst des Dramas. Also jazzt er sich am Ende zum wortgewaltigen, erschütternden Finale hoch. Das ist mindestens große Kunst. Der 14-minütige Titelsong ist ein Manifest der Angst. Dass Ja, Panik darin mit der Melodieführung von Falcos Skandalstück "Jeanny" spielen, ist nur einer von vielen ausgelegten Ködern und Symbolen. In erster Linie geht es in "DMD KIU LIDT" um eine Abrechnung mit dem Kapitalismus, mit dem Establishment, mit Allem. Schweres leicht vorzutragen, ist eine Meisterleistung. Nicht schlecht, Herr Spechtl!