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Integrationsprojekt:Hilfe in der Fremde

In der Schlau-Schule können minderjährige Asylbewerber den Hauptschulabschluss erwerben.

Christa Eder

Es ist das erste Mal in seinem Leben, dass der 18-jährige Hassan eine Schule besucht. Schulbildung war in seinem Land ein Privileg, nicht Pflicht. Deshalb ist er dankbar und stolz, in der Klasse von Lehrer Rudi Hillreiner, den hier alle nur Rudi nennen, sitzen und Mathe lernen zu dürfen.

Der tägliche Unterricht ist für die jugendlichen Flüchtlinge ein Stück Normalität und hilft ihnen auch, ihre Traumata besser zu verarbeiten. Hassan (1. in der Reihe) und seine Mitschüler aus der achten Klasse bereiten sich derzeit auf den Quali vor.

(Foto: Foto: Heddergott)

In diesem Sommer will er den Quali schaffen und eine Lehre anfangen. Hassan kommt aus Afghanistan und gehört zur Volksgruppe der Hazara, die von den Taliban verfolgt wird. Seine Familie wurde in den Kriegswirren ausein-andergerissen, mit 15 floh er in einem Lkw über Russland nach Deutschland. Wo seine Eltern heute sind, ob sie überhaupt noch leben, ob er sie je wiedersieht, weiß er nicht.

Doch Hassan hatte trotz allem Glück, denn er ist bei "Schlau" in der Schillerstraße gelandet. Die sechs Buchstaben stehen für "Schulanaloger Unterricht für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge" und umschreiben ein umfassendes Integrationsprogramm, das Jugendliche in zwei bis drei Jahren auf den einfachen oder qualifizierenden Hauptschulabschluss vorbereitet.

Schwerpunkt ist das Fach Deutsch, mit sieben Stunden pro Woche, zusätzlich drei bis vier Stunden Stützkurse, in denen Rechtschrift und Textverständnis vertieft werden. "Zu uns kommen unbegleitete Jugendliche aus mittlerweile 15 Städten Deutschlands", erklärt Michael Stenger, Schulleiter und Gründer des Projekts. "Inzwischen haben wir Wartelisten."

Entwurzelte Seelen

Mit zwei Gruppen von je 15 Schülern hat Stenger im Jahr 2000 angefangen. Damals war er Lehrer, Geschäftsführer und Geldbeschaffer in einer Person. Heute unterstützt ihn ein Team aus 22 Lehrern und Sozialpädagogen sowie 14 Ehrenamtlichen. 140 jugendliche Flüchtlinge aus über 20 Ländern besuchen in diesem Jahr die Schlau-Schule.

Sie kommen aus unterschiedliche Kulturen, aber ihre Biographien ähneln sich auf schreckliche Weise. Junge Frauen aus Afrika, die vor der Beschneidung geflohen sind, ehemalige Kindersoldaten, Jungen und Mädchen, die mit ansehen mussten, wie Eltern und Geschwister ermordet, gefoltert, verschleppt wurden, Kinder, die selbst misshandelt und missbraucht wurden. Sie haben sich ohne Eltern, unter lebensgefährlichen Bedingungen, und oft in monatelanger Flucht bis Deutschland durchgeschlagen. "Sie sind alle traumatisiert", sagt Stenger, "aber wir können nur den wenigsten einen Therapieplatz besorgen."

Deshalb ist Schlau auch viel mehr als "nur" Schule, die Mitarbeiter mehr als "nur" Lehrer. "Die Hälfte ist Unterricht, der Rest ist Betreuung, Selbstbewusstsein aufbauen, Motivation, tägliche Besprechungen in und ums Klassenzimmer, ein Berg an Bürokratie und der tägliche Kampf mit den Ämtern", zählt Stenger auf.

Doch einmal im Jahr würden alle für die harte Arbeit belohnt. Beim Sommerfest nämlich, wenn die Zeugnisse vergeben werden. "An diesem Tag bekommen wir alles zurück," sagt Stenger, "dann sind sie so stolz und selbstbewusst, auch weil sie die öffentliche Anerkennung bekommen". Fast alle Schlau-Prüflinge schaffen jedes Jahr den Hauptschulabschluss, den sie an einer Münchner Hauptschule ablegen. Viele von ihnen mit geradezu sensationell guten Noten, die deutlich über dem bayerischen Landesschnitt liegen. "Wir bekommen fast jeden in Ausbildung oder an eine weiterführende Regelschule", so Stenger.

Deutlich über dem Schnitt

Besonders stolz ist der Schulleiter auf seine "Highlights", wie er sie nennt. Einer studiert heute Informatik, ein anderer war im vergangenen Jahr Bundessieger unter den ausgezeichneten Reifentechnikern und in diesem Jahr wird wohl wieder eine Schülerin das Gymnasium schaffen. "Das zeigt auch, was man mit richtiger Förderung erreichen kann", sagt Stenger.

Und die endet bei Schlau nicht mit dem Schulabschluss. Bis heute hält Stenger Kontakt zu seinen Pionieren aus den ersten Kursen. Auch nach der Schule wird niemand allein gelassen. Jeder, der sie braucht, bekommt Unterstützung, sei es bei der Vermittlung von Berufspraktika, einer Lehrstelle oder beim Asylverfahren. "Der Supergau ist natürlich immer, wenn ein Asylantrag abgelehnt wird", sagt Stenger, "dann brechen sie zusammen."

Deshalb hat Stenger inzwischen drei Asylexperten im Team. "Sie haben die Kontakte und wissen, wie man am schnellsten reagiert, wenn die Abschiebung droht." So, wie bei einer seiner Schülerinnen, einer 15-jährigen Togolesin, die im Oktober 2007 abgeschoben werden sollte. Die Maschine war schon startklar, als Stenger über eine Petition im Landtag die Abschiebung in letzter Sekunde verhindern konnte.

Fragt man Stenger, warum Schlau bei all den Problemen so erfolgreich ist, muss er nicht lange überlegen. Man müsse den Jugendlichen immer wieder klar machen, dass sie wertvolle Menschen sind und an der Gesellschaft teilhaben können, dass sie Rechte, aber auch Pflichten haben "Das geht. Mit viel Liebe und Fürsorge, aber auch mit der nötigen Strenge und klaren Regeln. Und alle müssen an einem Strang ziehen."

© SZ vom 09.02.2009
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