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Historische Forschung:Gegen das Vergessen

Das Institut für Zeitgeschichte will München zu einem Zentrum der Holocaust-Forschung machen. So soll 2019 unter anderem die weltweit wichtigste Tagung zu dem Thema in der Stadt stattfinden - und auch ein neuer Studiengang ist angedacht

Es gebe Nachholbedarf, sagt Andreas Wirsching. Unter deutschen Historikern habe der Holocaust lange keine große Rolle gespielt, klagt der Leiter des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) an der Leonrodstraße. Die Wissenschaftler beschäftigten sich zwar mit dem Nationalsozialismus, der Massenmord aber sei dabei gerne etwas außen vor geblieben, sagt er. Die ersten Adressen der Holocaust-Forschung seien deshalb bislang Yad Vashem in Jerusalem sowie das United States Holocaust Memorial Museum in Washington D. C. In Europa gebe es kein vergleichbares Institut. Doch das soll sich nun ändern.

Mit dem Freistaat Bayern und der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) möchte das IfZ in München ein europaweites Schwergewicht der Forschung aufbauen. Seit 2013 betreibt das Institut bereits ein "Zentrum für Holocaust-Studien", ebenfalls an der Leonrodstraße, es zählt derzeit inklusive studentischer Hilfskräfte 15 Mitarbeiter. Drei Jahre lang befand sich das Institut im Aufbau, seit Jahresbeginn ist es dauerhaft eingerichtet. Und jetzt weitet es seine Aktivitäten aus; am Donnerstag wurden die Pläne dazu vorgestellt. Folgt man Wirsching und Frank Bajohr, dem Leiter des Zentrums, dann ist dieses Engagement auch dringend nötig.

Wie groß der Nachholbedarf ist, verdeutlicht eine jüngst in Berlin publizierte Studie, die Bajohr zitiert. Demnach ist die Holocaust-Forschung zwar in München stark: Zwischen 2013 und 2015 gab es an der LMU sowie an der Freien Universität Berlin mit je 23 Kursen bundesweit das größte Angebot zum Holocaust. Doch im selben Zeitraum gab es an jeder zweiten Hochschule keine einzige Veranstaltung zum Thema, und zwar oft gerade an jenen Unis, die sich vor allem der Lehrerbildung widmen. Die Münchner wollen auch hier Abhilfe schaffen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Man wolle Studenten, die an ihren Unis keine Angebote finden, Chancen eröffnen, sagt Bajohr. Womöglich könne man auch direkt Lehrer fortbilden, hofft Wirsching.

München, die Stadt, in der die Nazis einst zur politischen Kraft werden konnten, biete für diese Forschung heute mit IfZ und LMU eine besonders gute Infrastruktur, sagt Bajohr. Nur hier habe man Zugriff auf eine Datenbank aller deutschen Prozesse zu NS-Gewaltverbrechen. Und das IfZ sei eines von bundesweit nur drei Instituten mit Zugang zum "Visual History Archive", in dem Interviews mit mehr als 50 000 Shoah-Überlebenden gespeichert sind.

Freilich: Auch in München kam die Holocaust-Forschung schwer in die Gänge. Erst im Oktober präsentierten die Historiker Götz Aly und René Schlott Dokumente, denen zufolge das IfZ wiederholt die Übersetzung von Raul Hilbergs "The Destruction of the European Jews" ins Deutsche blockiert hatte, einmal 1964, einmal 1980. Die in den USA schon 1961 publizierte Studie beschrieb erstmals detailliert das deutsche System des Mordens, sie gilt als Startschuss der Holocaust-Forschung. Und ausgerechnet das IfZ stellte sich quer: War das international renommierte Institut doch 1949 eigens zu dem Zweck gegründet worden, die Nazi-Diktatur zu erforschen.

Heute treibt das IfZ die Holocaust-Forschung voran. Schon jetzt vergibt das Zentrum für Holocaust-Studien Stipendien an Gastwissenschaftler. In Forschungsprojekten untersuchen die Wissenschaftler vor allem die Akteure und Etappen des Holocaust sowie die Gesellschaften in Mittel-, Ost- und Südosteuropa - ein politisch heikles Feld, denn dabei kommen auch nicht-deutsche Täter in den Blick. Das Zentrum vergibt deshalb gezielt Stipendien an Forscher, deren Arbeit behindert wird.

Das Zentrum organisiert zudem Konferenzen; hier ist nun ein regelrechter Coup gelungen: Die Tagung "Lessons and Legacies", die wichtigste Zusammenkunft von Holocaust-Forschern, wird 2019 in München ausgerichtet. Bislang tagten die Forscher im zweijährigen Turnus ausschließlich in den USA; künftig wird die Konferenz jährlich angesetzt, einmal in den Staaten, einmal in Deutschland: Europäische Forscher sollen stärker mitreden. Bajohr rechnet mit etwa 150 Teilnehmern.

Und auch in die Lehre will sich das Zentrum verstärkt einbringen. Die Verbindungen in die LMU existieren bereits; Bajohr etwa ist wie andere Forscher des IfZ zugleich Professor an der LMU. Künftig aber wollen Zentrum und Uni noch enger kooperieren. So soll es etwa zusätzlich zum bestehenden Masterstudiengang "Geschichte" einen namens "Zeitgeschichte" geben, mit einem Schwerpunkt auf der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts - also auch auf dem Holocaust. Beginnen soll der Studiengang bereits in den nächsten Jahren.

© SZ vom 10.11.2017
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