Hilfe für Hebammen:"Dienerin der Frau"

Hilfe für Hebammen: Romina Schaaff arbeitet als Grafik-Designerin. Obwohl sie ihren Beruf mag, war da immer etwas, das fehlte. Nun unterstützt sie Schwangere als Doula.

Romina Schaaff arbeitet als Grafik-Designerin. Obwohl sie ihren Beruf mag, war da immer etwas, das fehlte. Nun unterstützt sie Schwangere als Doula.

(Foto: Catherina Hess)

Romina Schaaff unterstützt als Doula Paare bei der Geburt ihres Kindes. Sie betreut Schwangere vor allem emotional

Von Heike Nieder

Romina hat es eilig - wie jeden Tag um diese Zeit. Auf keinen Fall will sie die Show heute verpassen. Es ist 14.30 Uhr, wir schreiben das Jahr 1987. Schnell holt die damals Achtjährige ihr Kinderrad aus der Garage, steigt auf und flitzt los - bis ans Ende der Straße, zum Kreiskrankenhaus in Freilassing. Atemlos stellt sie ihr Rad ab und dann nichts wie rein, zum Aufzug. Hoch in den obersten Stock und den Flur entlang. Es ist 15 Uhr, sie ist pünktlich. Von Weitem sieht sie schon die große Glasscheibe. Der Vorhang dahinter ist zurückgezogen. Rominas Herz klopft. Dann ist sie endlich da. Bleibt stehen. Drückt die Nase an das kühle Glas. Und sieht die Babys.

Heute muss Romina Schaaff, 35, lachen, wenn sie von den täglichen Ausflügen erzählt, die sie als Kind auf die Wochenbettstation unternommen hat. Jeden Tag um die gleiche Uhrzeit habe man sich dort die Säuglinge anschauen können, sagt sie. So oft es ging, sei sie nach der Schule dahin geradelt. "Babys und Schwangerschaft - das hat mich schon immer fasziniert." Vor fünf Jahren hat die dreifache Mutter diese Leidenschaft zum Beruf gemacht - zum Nebenberuf, um genau zu sein. Denn eigentlich arbeitet sie als Grafik-Designerin. Doch alle paar Wochen steht sie im Kreißsaal. Als Doula.

Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Dienerin", in diesem Fall: "Dienerin der Frau". Eine Doula steht einer Gebärenden zur Seite. Anders als eine Hebamme oder ein Arzt, die über fundiertes medizinisches Wissen verfügen, betreut die Doula das Paar vor allem emotional. Romina Schaaff formuliert ihren Tätigkeitsbereich so: "Ich bin mehr am Kopf der Frau als weiter unten."

Zwar ist die Berufsbezeichnung nicht geschützt, doch wer Wert auf Seriosität und eine fundierte Ausbildung legt, besucht einen Kurs der "Gesellschaft für Geburtsvorbereitung, Familienbildung und Frauengesundheit", kurz GfG. In 180 Unterrichtsstunden, verteilt auf acht Wochenendseminare, und einem Praktikum im Kreißsaal erhalten die Teilnehmerinnen physiologische Grundkenntnisse von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Sie erlernen Entspannungs- und Massagetechniken und sie erfahren, wie sie ein Paar physisch und psychisch unterstützen können. Bewerben dürfen sich nur Frauen, die selbst Kinder geboren haben und älter als 30 sind. In München veranstaltet die GfG eine Ausbildungsreihe pro Jahr. Inzwischen gibt es in der Landeshauptstadt 25 GfG-Doulas, acht weitere befinden sich zurzeit in Ausbildung.

Romina Schaaff hat den Flyer der GfG im Oktober 2009 zugesteckt bekommen, als sie, schwanger mit dem zweiten Kind, auf der Münchner Babymesse unterwegs war. Als sie ihn zu Hause auffaltete und zum ersten Mal etwas über die Tätigkeit einer Doula las, stutzte sie: "Das ist ja genau das, was ich machen will!" Sie schaute im Internet nach, wann die nächste Ausbildung in München startete. Eine Woche später ging es los.

Trotz ihrer frühen Faszination für Babys hatte Romina Schaaff sich nach der Schule bewusst gegen eine Ausbildung zur Säuglingskrankenschwester oder Hebamme entschieden. "Die sozialen Berufe waren keine Option für mich", sagt sie. "Ich wollte finanziell in der Lage sein, alleine für mich zu sorgen." Also machte sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Vier Jahre arbeitete sie in diesem Beruf, dann hatte sie genug. Sie zog nach München und begann ein Studium zur Grafik- und Webdesignerin. Inzwischen ist sie längst etabliert und gestaltet den Internetauftritt eines großen bayerischen Versicherungskonzerns. Doch obwohl sie ihren Beruf mag, war da immer etwas, das fehlte.

"Ich habe immer wieder mal geschaut, ob es möglich ist, eine Hebammenausbildung in Teilzeit zu machen. Es hat mich echt gefuchst, dass das nicht ging", berichtet sie. Ziel wäre gewesen, Frauen während der Schwangerschaft und danach zu beraten. Eine Vollzeitausbildung wäre nicht infrage gekommen. Mit 23 Jahren war sie zum ersten Mal Mutter geworden, sie wollte für ihre Tochter da sein. Gleichzeitig musste sie Geld verdienen, um mit ihrer Familie in München leben zu können. Als selbständige Grafik-Designerin konnte sie ihre Arbeitszeiten frei einteilen.

Schon während ihres dreiwöchigen Praktikums im Kreißsaal machte Romina Schaaff dann eine Erfahrung, die sie in ihrem Wunsch, als Doula zu arbeiten, bestätigte: Es war 17 Uhr, eigentlich hätte sie Feierabend gehabt. Doch dann gingen bei einer Frau, deren Kind eigentlich mit einem Kaiserschnitt geholt werden sollte, plötzlich die Wehen los. Der Mann konnte so schnell nicht kommen, er hatte keine Betreuung für das größere Kind. Also blieb Romina Schaaff. Das Baby kam um zwei Uhr nachts. "Das war das Zeichen für mich, dass Doulas gebraucht werden. Das Klinikpersonal kann diese Eins-zu-eins-Betreuung nicht leisten." Mit der Frau ist sie heute noch befreundet.

Auch Andrea Singer, Doula-Ausbilderin der GfG in München, bestätigt: "Der Stellenwert der Doulas für die schwangere Frau ist in München hoch, da die Stadt seit Jahren einen Geburtenboom erlebt." In einigen Kliniken gebe es eine Hebammenunterversorgung. Die Doula sei hilfreich, der Nutzen einer kontinuierlichen Begleitung während der Geburt in wissenschaftlichen Studien belegt sei. Gleichzeitig betont Andrea Singer: "Eine Doula kann die Hebamme nicht ersetzen, da sie keine medizinischen geburtshilflichen Aufgaben übernimmt."

An dieser Stelle setzt auch die Kritik des bayerischen Hebammen Landesverbandes an: Zwar sei es gerade bei den Verhältnissen, die in München herrschen, verständlich, dass einige Paare auf die Leistungen einer Doula zurückgreifen. Allerdings sei es schwierig, wenn die Gebärende in Notfällen die Empfehlungen der Doula denen der Hebamme oder des Arztes vorziehe, sagt Hebamme Astrid Giesen. Richtig sei, dass "eine Eins-zu-eins-Betreuung bei der Geburt die Interventionsrate und die Gabe von Kaiserschnitten" senke. Die Arbeitsbedingungen der Hebammen in den Kliniken müssten so verbessert werden, dass diese die Gebärenden von Anfang bis Ende begleiten können. "Die Lösung kann nicht darin liegen, dass die Familien diese Leistung selber zahlen müssen. Mit der Betreuung durch Doulas werden Aufgaben des Gesundheitssystems in die private Verantwortung der Frau verlagert." Das sei nicht hinnehmbar.

Romina Schaaff verlangt für eine Geburtsbegleitung 650 Euro. Darin inbegriffen sind zwei bis drei Treffen vor der Geburt, Rufbereitschaft um den Geburtstermin herum, Anwesenheit von der ersten Wehe bis zum Schluss, ein bis zwei Treffen zur Nachbesprechung. Leben könnte sie davon nicht. Pro Monat kann sie höchstens ein Paar betreuen. Sie sieht es als Ausgleich zu ihrer Arbeit als Grafik-Designerin. Sie schätzt den direkten Kontakt zu den Paaren, mit denen sie am Ende ein existenzielles Erlebnis teilt. Auch ihre Erfahrungen mit Hebammen und Ärzten in den Kliniken seien positiv, sagt sie: "In den Krankenhäusern sind die Hebammen froh, wenn sie sich nicht vierteilen müssen." Ein Chefarzt habe mal zu ihr gesagt, er finde es gut, wenn Doulas dabei seien, dann liefen die Geburten "immer so schön entspannt". Allerdings sei es wichtig, dass man seine Grenzen kenne, sagt Romina Schaaff. Sie käme nie auf die Idee, eine Entscheidung der Hebamme oder des Arztes anzuzweifeln.

Die Paare wissen zu schätzen, dass Romina Schaaff einerseits weiß, wann sie sich zurückhalten sollte und andererseits, wann es Zeit ist, anzupacken. Ihr Mann formuliert es so: "Mich hat noch kein Kunde zum ersten Geburtstag unseres gemeinsamen Projektes angerufen und sich bei mir bedankt." Seine Frau schon. Ihre Kunden sind Mütter und Väter. Die Projekte krabbeln, lernen laufen und entdecken die Welt.

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