Hilfe am Telefon Drogen und Spülmaschinentabs

Chefarzt Florian Eyer leitet den Münchner Giftnotruf.

(Foto: Andreas Heddergott/TUM)

37 000 Menschen haben im vergangenen Jahr den Münchner Giftnotruf angerufen

Von Fridolin Skala

Im Internet lassen sich Drogen und verschreibungspflichtige Medikamente ganz einfach bestellen. Über spezielle Seiten, die ähnlich funktionierten wie Amazon, könne man sich synthetische Drogen nach Hause liefern lassen, die viel potenter seien als einfaches Ecstasy, sagt Florian Eyer. Der Chefarzt der klinischen Abteilung für Toxikologie am Klinikum rechts der Isar erklärt sich mit dem leichten Zugang zu Drogen auch die gestiegene Zahl der Anrufe beim Giftnotruf München. Mehr als 37 000 Mal klingelte dort im vergangenen Jahr das Telefon. Das ist ein Anstieg um 6,3 Prozent innerhalb von zwei Jahren.

Bei etwa einem Drittel der Anrufe ging es laut Eyer um Vergiftungen von Kindern, die beispielsweise einen Spülmaschinentab oder Herzmedikamente des Großvaters gegessen hatten. In solch akuten Fällen werde den Eltern geraten, Aktivkohle zu geben, um die Giftstoffe zu binden, erklärt Eyer. Parallel dazu schickt der Giftnotruf einen Rettungswagen los. "Früher wurde oft noch geraten, bei Kindern Erbrechen auszulösen. Das machen wir nicht mehr", sagt Eyer. In weniger dringlichen Fällen empfehle man die Beobachtung zu Hause oder durch einen Kinderarzt. Die gezielte Beratung sei der große Vorteil der Giftnotrufe, sagt Eyers Mainzer Kollege Andreas Stürer. Eltern müssten nicht unnötig in die Notaufnahme einer Kinderklinik fahren, was wiederum Kosten spare. Stürer, der auch Vorsitzender der Gesellschaft für klinische Toxikologie ist, zitiert dazu Studien aus den USA: "Dort spart jeder Dollar, der in den Giftnotruf investiert wird, 13 Dollar im Gesundheitswesen ein." Für Deutschland gebe es keine solche Analyse, doch Stürer vermutet, dass der Effekt vergleichbar sei.

Neben Vergiftungen von Kindern geht es bei vielen Anrufen um Suizidversuche. Besonders häufig würden Antidepressiva oder Schmerzmittel eingenommen, sagt Eyer. Nach wie vor spiele zudem der Missbrauch von Alkohol oder klassischen Drogen eine Rolle. Einen außergewöhnlichen Trend gebe es derzeit keinen - anders als in den vergangenen Jahren, als es unter Jugendlichen als cool galt, alkoholgetränkte Tampons rektal einzuführen. Trotzdem seien gerade junge, unerfahrene Konsumenten weiter stark gefährdet. "Wir haben seit 40 Tagen eine junge Patientin in unserer Klinik, die nach übermäßigem Drogenkonsum im Dauerkoma liegt", sagt Eyer.

Da der Giftnotruf München die zentrale bayerische Anlaufstelle bei Vergiftungen ist, stammt ein Großteil der Anrufer aus dem Freistaat. Aber auch aus anderen Bundesländern melden sich Menschen: 2016 gingen in München 2800 Anrufe aus Baden-Württemberg und 640 aus Nordrhein-Westfalen ein.

Der Giftnotruf München ist unter der Nummer 089/19240 zu erreichen.