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Glaubensorte neben Frauenkirche und Co.:Raum für Gebete

Ob Buddha, Allah, Gott, oder Jahwe -so unterschiedlich wie die Lehren sind die Orte, an denen der Glauben gelebt wird. Doch manchmal liegt die Vielfalt ziemlich versteckt

Verwobene Geschichte

Beth Shalom hat einen besonderen Tora-Vorhang

Jan Mühlstein legt sich einen Gebetsmantel um, tritt auf den Toraschrein zu und öffnet ihn. Der Blick in den Schrein wird zunächst noch von einem cremefarbenen Vorhang verdeckt. "Das ist eine Parochet", erklärt Mühlstein. Dahinter kommen vier Tora-Rollen zum Vorschein - und zwei aus Plüsch. "Damit die kleinen Kinder auch etwas in die Hand nehmen können", sagt er.

Jan Mühlsteinist der Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde München, Beth Shalom. Knapp 500 Mitglieder zählt sie und hat ihre Räume in Sendling, im ersten Stock eines Bürogebäudes neben Knabenchor und Kita. Die Synagoge selbst ist ein heller Raum mit zwei gegenüberliegenden Fensterfronten, die durch weiße Vorhänge verdeckt werden. Ein Dutzend Stuhlreihen sind mit Blick in Richtung des Toraschreins aufgestellt. "Männer und Frauen sind bei uns gleichgestellt", erklärt Mühlstein. Im Gegensatz zum orthodoxen Judentum gibt es im liberalen keine getrennte Sitzordnung. Beth Shalom besitzt noch eine weitere Parochet. Eine mit einer besonderen Geschichte. Mühlstein deutet auf einen samtenen, grünen Vorhang an der Wand. Einst gehörte er der Synagoge Beth Hillel in New York, die 1940 von Geflüchteten aus Süddeutschland gegründet wurde. Der letzte Münchner Vorkriegsrabbiner Leo Baerwald, ebenfalls liberal, leitete diese Gemeinde nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten. Gewidmet ist der Vorhang seiner Frau Jenny Baerwald. Die New Yorker Gemeinde wurde im Jahr 2000 geschlossen.

Auf ungeklärte Weise kam der Vorhang daraufhin nach Berlin, wo ihn der damalige Rabbiner von Beth Shalom, Walter Rothschild, auf einem Flohmarkt entdeckte und ihn der Gemeinde zur Verfügung stellte. "Diese Parochet ist ein Zeichen, mit dem wir an die lebendige Tradition des liberalen Judentum anknüpfen", sagt Mühlstein. Sie ist ein Symbol der Rückkehr. Hannah Würsching

Ein Hauch von Indien

Ein Haus für viele Götter - der Hindu-Tempel Hari Om

Lange Zeremonie: An Sonntagen beten hier mehr als 100 Gläubige bis zu drei Stunden.

(Foto: steffen-leiprecht.de)

Ein grauer Betonklotz an der Ecke Berg-am-Laim-Straße/Kästnerstraße. Draußen: Einfamilienhäuser, Supermärkte, Bäckereien. Drinnen: Ein Hauch von Indien. Vom ersten Stock zieht der Duft von Räucherstäbchen durch den Hausflur. Die Tür steht einen Spalt offen, leise Musik ist zu hören. Chandor Kapoon geht geradewegs auf den Altar zu. Er läutet an der kleinen goldenen Glocke, geht auf die Knie und berührt mit der Stirn den Boden - so begrüßt er die Götter. Seit mehr als zehn Jahren gehört Kapoon der hinduistischen Glaubensgemeinschaft Hari Om in Trudering an: "Das Besondere an unserem Tempel ist, dass wir nicht nur einen Gott anbeten können."

Mit dem Ziel, alle hinduistischen Götter unter einem Dach zu vereinen, eröffnete 2006 der Verein Hari Om gemeinsam mit der Gesellschaft für Deutsch-Indische Zusammenarbeit den Tempel. Jeden Sonntag treffen sich mehr als 100 indische und afghanische Hindus. Freiwillige Helfer wie Kapoon gestalten die Zeremonien. Für das Gebet trägt Kapoon ein orangenes Kopftuch mit der Aufschrift "Om", ein Zeichen des Respekts. Ein Helfer befüllt Muscheln mit Wasser und zündet Kerzen an. "Er bereitet Aarti vor", sagt Kapoon. Ein Ritual, bei dem das Licht einer Kerze den Göttern dargeboten wird.

Kapoon nimmt im Schneidersitz auf roten Kissen Platz, vor ihm liegen eine Trommel und Rasseln. Auf einem Tischchen, geschmückt mit einem roten Paillettentuch, liegt das Gebetsbuch. Von der Decke hängen bunte Girlanden, der Boden ist mit schweren Teppichen ausgelegt. Im Hintergrund blinken farbenfrohe Lichterketten, die Gottheiten sind von Plastikblumen umstellt. Kapoon liest indische Gebete vor. Seine tiefe Stimme hallt durch die zwei weitläufigen Gebetsräume. Rote Vorhänge schirmen ihn von der Außenwelt ab. Für die nächsten drei Stunden ist Chandor Kapoon in Gedanken in Indien. Lisa Winter

Auf engstem Raum

Münchner Muslime beten in der Hotterstraße

Ein bisschen sehen die Räume an der Hotterstraße aus wie eine ganz normalen Altbauwohnung, mit Kronleuchtern an der Decke und einem strahlend blauen Teppichboden. Auf den ersten Blick weisen nur das goldene Sternmuster und die Kalligrafien an der Wand darauf hin, dass hier, nahe der Sendlinger Straße, ein islamischer Gebetsraum zu finden ist. Arabische Schriftzeichen in zwei goldenen Kreisen bilden die Wörter "Allah", das arabische Wort für Gott, und "Mohammed", den Namen des Propheten.

Ein Gläubiger bemerkt die neugierigen Blicke der Besucherin. "Die Tür in der Mitte der vorderen Wand symbolisiert den Durchgang zu einer anderen Welt, weil man sich beim Beten Gott zuwendet", erklärt er. Ein schwarzes Band teilt den hinteren Bereich, in dem die Frauen beten, vom vorderen Bereich für die Männer. Auf den Fensterbänken liegen Bücher und an den Heizungen hängen Tesbichs, Perlenkettchen, die in etwa die muslimische Version eines Rosenkranzes sind. Eigentlich war der Gebetsraum hier im islamischen Zentrum des Münchner Forums für Islam (MFI) bis Anfang Februar geschlossen. Zu viele Menschen wollten an den Gebeten teilnehmen.

Eine große, repräsentative Moschee ist für die Münchner Muslime nach wie vor ein unerfüllter Traum, zudem sind alle anderen Gebetsräume im Stadtzentrum allmählich verschwunden. Mittlerweile findet zumindest das Freitagsgebet wieder statt; man schließt die Tür, sobald der Raum voll ist. Das islamische Zentrum ist aber nicht nur ein Ort für Gebete, sondern auch für Vorträge und andere Veranstaltungen. Wichtig ist bei all dem der Austausch zwischen den Nationalitäten und Religionen: Imam Belmin Mehić hält seine Predigt auf Deutsch, damit Muslime aus allen Ländern sie verstehen können. Egal woher sie stammen, das islamische Zentrum will ihnen ein gemeinsamer Glaubensort sein. Elena Butz

Buddhas Wohnzimmer

Der Wat-Thai-Tempel ist für Besucher auch ein Stück Heimat

Ein Mann im orangefarbenen Gewand rezitiert buddhistische Verse auf Thai, mit einem Fächer bedeckt er sein Gesicht: Die Mittagszeremonie im Wat-Thai-Tempel hat begonnen. Diesmal leitet sie Obermönch Phrakhruvitejthammarangsi. Er ist einer von insgesamt drei Mönchen, die in dem weißen Tempel in der Nähe des Giesinger Bahnhofs leben.

Inmitten von Einfamilienhäusern sticht der Wat-Thai-Tempel vor allem durch seine moderne Bauweise und die vier Flaggen auf dem Dach hervor. Auf zwei von ihnen ist ein goldenes Rad mit acht Speichenabgebildet, ein zentrales Element im Buddhismus. Die anderen zwei zeigen die Nationalflagge von Thailand, schließlich ist der Wat-Thai-Tempel ein thailändisches Gemeindezentrum mit rund 1 000 Mitgliedern. Neun Frauen und ein Mann haben sich an diesem Tag dort eingefunden: Umgeben von mehr als 60 Buddha-Statuen, die auf Regalen und Kommoden stehen und teilweise Geschenke aus verschiedenen Ländern sind, sitzen sie mit gefalteten Händen auf dem Boden. Ein paar Stufen führen nach oben zu dem Teil des Raums, in dem auch der Altar steht. Vor diesem stehen Kerzen, Blumen und eine kleine Schale mit Essen: alles Opfergaben für Buddha und den Tempel. Auch die Speisen neben dem Mönch sind Spenden der Gemeindemitglieder.

Trotzdem geht es nicht nur ums Geben, sondern auch ums Nehmen: Nach der Mittagszeremonie bedient sich zuerst der Mönch am Essen, dann sind die Gemeindemitglieder dran. Auf einem kleinen Teppich werden die Speisen in die Mitte gestellt, man isst und redet zusammen - alles auf Thai, aber in unterschiedlichen Dialekten: Ein paar der Gemeindemitglieder stammen aus Südthailand, ein paar aus Nordthailand. Für viele ist der Wat-Thai- Tempel mehr als ein bloßer Glaubensort, erzählt eine Frau. Es ist auch ein Ort gegen die Einsamkeit, ein Stück Heimat in München. Franziska Martin

Unter einem Dach

Katholiken und Protestanten teilen sich eine Kirche

1972 wurden hier Gottesdienste in 14 Sprachen gefeiert: das ökumenische Kirchenzentrum im Olympiadorf.

(Foto: Johannes Baumert)

Zwischen zwei Hochhäusern und einem Kindergarten liegt das Gebäude, so unspektakulär, dass man es leicht übersehen kann: grauer Beton trifft auf Stahl und Glas. Ein Siebzigerjahrebau mit der Ästhetik einer Sparkassen-Filiale. Wäre da nicht das goldene Kreuz, das über der Tür den Weg ins Innere weist. Das ökumenische Kirchenzentrum im Olympischen Dorf war das erste seiner Art in Bayern. Der gemeinsame Eingang zeigt schon, dass sich hier Katholiken und Protestanten näher sind als in anderen Vierteln der Stadt. Das Olydorf, das einst als Stadt der Utopie gebaut wurde, sollte auch einen utopischen Glaubensort bekommen.

So entstand 1970 der Flachbau, der auch heute noch Kirchen beider Konfessionen beherbergt. Das Dach ruht auf zwölf Säulen, einem Konstrukt aus Stahlrohren. Sie sind die einzigen tragenden Elemente im Gebäude. Keine Mauer soll die zwei christlichen Konfessionen voneinander trennen. Nur zwei mobile Holzwände teilen den Bau in eine katholische und evangelische Kirche. "In einem Gebäude alles miteinander managen zu müssen, ist eine andere Form von Ökumene, als wenn man nur zwei oder drei ökumenische Gottesdienste im Jahr miteinander feiert", sagt Bernhard Götz, der seit 20 Jahren als evangelischer Pfarrer in der Olympiakirche arbeitet. Der Kirchenraum hier ist schlicht, in der Ecke steht eine Orgel. Hinter dem Altar hängt ein Bild des brennenden Dornbuschs. Für Götz ist wichtig, dass alles in diesem Raum auch umgestellt werden kann. So werden hier auch Partys gefeiert oder Konzerte veranstaltet. "Die Menschen sollen in der Kirche einen Ort finden, wo sie leben können", so Götz. Doch auch wenn getrennt gebetet wird, ist man irgendwie zusammen. Die dünnen Wände lassen den Ton durch: "Wenn am Sonntag Gottesdienst gefeiert wird, hört man sich gegenseitig. Dann weiß man, was der andere macht." Johannes Baumert

Runterkommen

Beten zwischen Sicherheitscheck und Abflughalle

Ein Mann hastet mit seinem Rollkoffer durch einen verglasten Gang, vorbei an Duty-Free-Läden. Es ist hektisch im Transit-Bereich des Terminals 2 am Münchner Flughafen. Mittendrin, versteckt in einem Seitengang, ein Ort der Ruhe: der Raum für Stille und Gebet. Auf 50 Quadratmetern ist hier ein Ort für interreligiöse Begegnung geschaffen worden.

Ein hell erleuchteter, begehbarer Kubus bildet einen Raum im Raum, umgeben von einem schmalen Gang, dessen schwarze Wände mit spirituellen Weisheiten aller fünf Weltreligionen beschrieben sind. "Die meisten Reisenden finden hier nur durch Zufall hin", sagt Stefan Fratzscher, evangelischer Flughafenseelsorger. Fratzscher betritt den Kubus und geht auf einen Baumstamm zu, der aus dem Boden bis hinauf in die Decke reicht. Die strahlenden Seitenwände erhellen den gesamten Raum, gelbe Fußbodenlampen tauchen alles in ein warmes Licht. Der Baum dient als zentrales Element und soll die unterschiedlichen Religionen miteinander verbinden. "Der massive Baumstamm und sein guter Stand stehen für die Basis, die aus dem Glauben kommt und Kraft gibt", erklärt Fratzscher. Darüber hinaus kann der Baum als Symbol der Schöpfung interpretiert werden - ein Element, das alle Religionen miteinander verbindet. Die Eintragungen im Gästebuch verraten, dass das Konzept aufgeht. "Danke Gott, für die dauernde Begleitung in allen Religionen der Welt. Wie auch immer dein Name ist", schreibt ein Besucher namens Salom. Wer auf seiner Reise Ruhe und Besinnung sucht, kann sie hier finden. Vom hektischen Treiben am Flughafen ist im Raum für Stille nichts zu spüren. Lisa Winter, Hannah Würsching

Diese Texte entstanden in Kooperation mit der katholischen Journalistenschule ifp (Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses). Alle Autoren sind Stipendiaten des Jahrgangs 2018.