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Georgier in München:Auf der Flucht vor den russischen Bomben

"Ich bin glücklich, dass ich noch lebe": Eine Münchner Familie kann in letzter Minute aus Georgien entkommen.

Seit Freitag herrscht Krieg in Georgien. In das Land am Schwarzen Meer reisen auch Deutsche in den Sommerurlaub. Zwei Münchner Familien, deren Mütter aus Georgien stammen, wollten dort mit ihren Kindern den Urlaub verbringen. Die Flucht aus dem Krieg gelang nur mit Glück und Hilfe aus Deutschland.

Georgier in München

Georgier demonstrieren vor dem russischen Konsulat in München gegen den Einmarsch der Truppen.

(Foto: Foto: Schellnberger)

Tränen rollen über die Wange von Thea Jank. Immer wieder hatte die Georgierin in den letzten Tagen auf die Fotos gestarrt, die ihren Sohn Luka zeigen. Würde er es schaffen? Raus aus Georgien, wo er bei seinen Großeltern Urlaub macht? Die Nachrichten im Fernsehen ließen sie verzweifeln. Und doch stellte sich die 38-Jährige alle 15 Minuten den Wecker, um nichts zu verpassen. An Schlaf war nicht zu denken. Bis gestern Abend. Als ihr zehnjähriger Sohn um 22.30 Uhr auf dem Münchner Flughafen landete. Er ist in Sicherheit.

"Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich noch am Leben bin", sagt der Zehnjährige. Auch wenn er nicht so ganz versteht, warum seine Ferien nun schon zu Ende sein sollen. Dabei hatte Luka Glück, viel Glück. Er saß im vorletzten Flugzeug, das gestern vom internationalen Flughafen der georgischen Hauptstadt Tiflis abhob. "Ist das Flugzeug gestartet?", war die einzige Frage, die sich Vater Rainer Jank die ganze Zeit über stellte. Zwei Stunden später schlugen in der Nähe des Airports Bomben ein. Seitdem rollt nichts mehr zur Startbahn.

Dass Luka für diesen Flug überhaupt noch ein Ticket bekommen hat, verdankt er Pikria Apziauri-Hufnagel. Die Georgierin stand die ganze Zeit über mit Lukas Mutter telefonisch in Kontakt. Auch sie war mit ihren beiden Söhnen in den Sommerurlaub geflogen. Zu ihren Eltern nach Kiketi, etwa 20 Kilometer von Tiflis entfernt. Da eskalierte plötzlich der Konflikt zwischen Georgien und Russland. Doch davon war im Land selbst zunächst nicht viel zu spüren. "Im Fernsehen zeigten sie ständig Bomben und Krieg. Ich selbst habe aber keine Explosionen gesehen. Nur die russischen Flieger habe ich gehört, die über uns hinwegflogen. Ein Lärm war das, ich konnte nachts kaum schlafen", sagt die 40-Jährige.

Sorgen machte sie sich aber noch keine. Bis sie mit ihrer Schwägerin sprach. Die arbeitet für die Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit und erzählte, dass bereits seit Freitag alle Deutschen aus Georgien evakuiert würden, die für die Gesellschaft tätig sind. Dann schlug nur zehn Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt eine Bombe ein. Der Konflikt könne über die Krisenherde Südossetien und Abchasien hinaus schwappen und das ganze Land erfassen, fürchtete Pikria Apziauri-Hufnagel. "Ich hatte plötzlich Angst, dass überall die nächste Bombe einschlagen kann." Hauptsache raus, raus aus Georgien, war von nun an das Einzige, woran Pikria Apziauri-Hufnagel denken konnte.

Von zu Hause aus versuchte ihr Mann, Christian Hufnagel, zu helfen, wo er konnte. Der Redaktionsleiter der SZ in Ebersberg registrierte seine Frau und die Kinder bei der Deutschen Botschaft in Georgien, schickte Telefonnummern und E-Mail-Adressen. Auf diplomatische Hilfe wagte er aber nicht zu hoffen: "Die raten zwar allen Deutschen, das Land zu verlassen. Auf der anderen Seite sagen sie aber: Wir evakuieren noch nicht. Was hilft es, meine Familie zu registrieren, wenn doch kein Flugzeug bereitgestellt wird? Nichts", klagt Hufnagel.

Ein Mitarbeiter der Deutschen Botschaft empfahl seiner Frau, nach Eriwan in Armenien zu fahren. Mit dem Auto wäre das möglich. Nur: Das einzige Auto weit und breit besitzt ihr Schwager. Und das war kaputt. "Außerdem hatte ich Angst, nicht über die Grenze zu kommen. Meine Söhne haben einen deutschen Pass, die wären ohne Probleme durch die Kontrollen gekommen. Ich aber habe einen georgischen", sagt Pikria Apziauri-Hufnagel.

Bleibt also als letzte Hoffnung der Luftweg. Auf dem Flughafen von Tiflis herrscht totales Chaos. Ein Flug nach dem nächsten wird gestrichen. Hunderte drängeln vor den Schaltern der Fluglinien, rufen: "Gibt es noch Flüge?" Doch die Damen an den Schaltern sitzen nur apathisch da und antworten nicht mehr. An einem einfachen Tisch mitten in dem Trubel findet Pikria Apziauri-Hufnagel Hilfe. Bei einem Vertreter eines Reisebüros, der Flugtickets nach Antalya verkauft.

Für billige 150 Euro. In bar. Kein Check-in, kein Gepäck aufgeben. Der Mann stellt die Tickets per Hand aus. Ein Betrüger, der aus der Not der gestrandeten Passagiere schnelles Geld machen möchte? Und dann verschwindet? "Ich musste es einfach glauben. Es war meine letzte Chance", sagt Pikria Apziauri-Hufnagel. Sie vertraut dem Mann und kauft mit ihrem letzten Geld vier Tickets - für sich selbst, ihre beiden Söhne Lucas und Alexander und für den Sohn ihrer Freundin Thea Jank.

Zweieinhalb Stunden später standen sie in Antalya. "Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so voller Freude wie in dem Moment, als ich aus dem Flieger stieg. Ich lebe wieder, dachte ich mir", sagt Pikria Apziauri-Hufnagel. An ihre Flugangst hatte sie den ganzen Flug über kein einziges Mal gedacht.

Den Weiterflug nach München organisierten die beiden Ehemänner. Ohne größere Probleme. "Ich bin so glücklich, dass mein Kind noch lebt. Letzte Nacht konnte ich endlich wieder durchschlafen", sagt Thea Jank. Und auch ihre Mutter hatte ihr am Telefon gesagt, sie sei froh, dass wenigstens ein Familienmitglied dem Terror entkommen sei. "Einfach ist es aber nicht, zu wissen, dass man seine Familie in einem Land zurücklassen muss, in dem Krieg herrscht."