Werktage Die archaische Seite der Kunst

Auf dem alten Kasernengelände in Germering arbeiten 16 Künstler an ihren Skulpturen aus Stein und Holz. Dabei wird neun Tage lang mit schwerem Gerät hantiert, geflext, gesägt und gehämmert

Von Julia Bergmann, Germering

Das Gesicht dick mit einem Schal vermummt und von einer Schicht Steinstaub überzogen steht Stefanie von Quast vor einem Torso aus Untersberger Marmor. "Radau machen ohne Ende", das ist es, was die Künstlerin an den Germeringer Werktagen reizt. Es ist eine Abwechslung zum Arbeiten in der eigenen Werkstatt, wo man wegen der irrsinnigen Staubentwicklung oft nur stückchenweise vorankommt. "Das dauert eine halbe Stunde, bis man nichts mehr sehen kann", sagt sie. Das Arbeiten auf dem alten Kasernengelände an der Otto-Wagner-Straße mit seinem Garten, unter freiem Himmel und mit verschwenderisch viel Platz ist wohl auch deswegen ein Höhepunkt für Stein- und Holzbildhauer. Einige von ihnen kommen sogar über die Landes- und Bundesgrenze hinweg nach Germering.

Innenansicht: Bernd Sedelmeier arbeitet mit der Kettensäge Wabenstrukturen in einen hohlen Kastanienstamm.

(Foto: Günther Reger)

In diesem Jahr finden die Werktage, organisiert vom Kunstkreis Germering, zum achten Mal statt. Das Besondere daran ist - da sind sich die 16 Künstler, die in diesem Jahr gekommen sind, einig - die Arbeit in der Gemeinschaft. Dazu haben die wenigsten von ihnen sonst Gelegenheit, immerhin lassen sich schwere Holzblöcke und Steinbrocken nicht so einfach transportieren wie Staffeleien, Leinwände oder Aquarellpapier.

"Jeder sieht in einem Stück Holz oder Stein etwas anderes. Man befruchtet sich gegenseitig, tauscht sich aus und lernt voneinander", sagt Initiator und Organisator Michael Glatzel. Es sei einfach spannend zu sehen, mit welcher Herangehensweise sich die anderen Künstler ihren Arbeiten nähern. Und außerdem gebe es bei den Werktagen keinerlei Konkurrenzkampf, keine Jury, keinen Preis. Das trägt ganz wesentlich zu einer kreativen, offenen und bereichernden Atmosphäre, wie sie in Germering jedes Jahr herrscht, bei. Noch bis zum 20. Juli wird auf dem Gelände geflext und gesägt, im Anschluss werden die Werke am 22. und 23. Juli bei den offenen Ateliertagen im Haus des Kunstkreises Germering an der Salzstraße 27 ausgestellt.

Bernd Kirsch fertigt geometrische Holzarbeiten.

(Foto: Günther Reger)

Besucher haben nicht nur die Gelegenheit, die fertigen Werke zu begutachten, sie können während der Werktage täglich von 10 bis 18 Uhr bei der Genese der Objekte zusehen. "Zehn bis zwölf Besucher kommen am Tag", sagt Glatzl. Einige mehrmals, wie etwa Oberbürgermeister Andreas Haas, der Schirmherr der Werktage.

Viele der Künstler kommen schon mit konkreten Ideen nach Germering. Etwa der Dresdner Bernhard Männel, der die ersten Tage nutzt, um eine Auftragsarbeit fertigzustellen. Männel befreit Schlag für Schlag ein flauschiges Alpaka aus einem Steinblock. Rechtzeitig für ein Hoffest am Wochenende soll es fertig werden. Wenn der Künstler keine Aufträge erfüllt, arbeitet er aber abstrakt. Er deutet auf eine vielleicht 40 Zentimeter hohe organische Skulptur aus hellem Stein.

Ferenc Nemes arbeitet an einer Frauenfigur aus Stein

(Foto: Günther Reger)

Auch Johannes Hofbauer hat sich vorgenommen, mit einem ganz besonderen und auch besonders großen Projekt bis zu den Werktagen zu warten, immerhin gibt es dort ausreichen Platz und auch mal die Unterstützung des Bauhofs, beim Transport der Rohstoffe mit Kränen. Eine gut zwei Meter hohe Skulptur bestehend aus zwei gewundenen, sich aneinanderschmiegenden Holzbalken, eine abstrakte Interpretation einer Zange "Ich lasse mich gerne von Dingen aus der Werkstatt inspirieren", sagt der Künstler, der seine Skulpturen fast ausschließlich mit der Kettensäge bearbeitet.

Elsa Nietmann fertigt mit Hilfe einer Kettensäge ein Fischskelett.

(Foto: Günther Reger)

Filigran geht es hingegen bei Gaby Kromer zu. Sie fertigt feingliedrige und detailreiche Stücke an, wie etwa eine sich im Tanz wiegende Frau, deren elegant geschwungener Torso in einen unbearbeiteten Ast übergeht. Auch sie arbeitet, anders als es die feinen Stücke vielleicht vermuten ließen, ausschließlich mit der Kettensäge. Die Oberflächen bekommen so einen rohen, archaischen Ausdruck. "Die Aussage eines Kunststückes hat sehr viel mit seiner Oberfläche zu tun", erklärt sie.

Die ursprüngliche Struktur des Werkstoffes bleibt auch bei Brigitte Cabell in Teilen bestehen. Aus einem afrikanischen Serpentin, hat sie einen Vogel gestaltet. "Eigentlich wollte ich abstrakt arbeiten, plötzlich ist ein Vogel herausgekommen", sagt sie. So etwas passiere eben. Viele der Künstler erklären, dass es das Material ist, das über die Form des Kunstwerks entscheidet. So ist es auch bei Cabell.

Am anderen Ende des Geländes stehen die beiden ungarischen Künstler Ferenc Nemes und László Zoltan Szabó. Seit vielen Jahren kommen sie aus Germerings Partnerstadt Balatonfüred in die alte Kaserne. Mit der Verständigung sei es etwas schwierig, sagt Glatzl, aber auf gewisse Weise verstehe man sich doch immer. Es ist nicht die Sprache, die verbindet. Es ist die Kunst.