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Traditionspflege am Brucker Fliegerhorst:Auf dem Stadtplan unbesiegt

Flieger der Wehrmacht wurden erst Jahre nach dem Krieg Namenspatrone für Straßen in Fürstenfeldbruck. Sie halten sich hartnäckig.

Wolfgang Krause

Nach der Nazizeit, die nach einer langen Schamfrist erst in den vergangenen drei, vier Jahrzehnten aufgearbeitet wurde, rückt zunehmend die Anfangszeit der Bundesrepublik in den Fokus der Historiker. Zum Vorschein kommt dabei, nicht ganz unerwartet, in vielen Bereichen eine ungebrochene personelle Kontinuität. Anders als bei der Abwicklung der DDR, wo viele Funktionsträger einfach durch West-Importe ersetzt werden konnten, durften in Ministerien, an Universitäten und Schulen wie beim Militär dieselben Leute einfach weitermachen, sich gegenseitig weißwaschen und die alte Zeit verklären.

Wenn jetzt - wieder einmal - über die nach Wehrmachtsoffizieren benannten Straßen vor dem Fürstenfeldbrucker Fliegerhorst diskutiert wird, geht es im Grunde genau um dieses Phänomen: Denn die belasteten Straßennamen sind kein Relikt der zwölfjährigen NS-Herrschaft, sondern wurden erst Jahre nach dem Krieg von der Standortverwaltung der Bundeswehr ausgewählt und vom Stadtrat 1962 abgesegnet. "In den sechziger Jahren waren die ganzen Veteranen des Zweiten Weltkriegs noch in Amt und Würden", erklärt der Historiker Harald Potempa vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam. So wie in den dreißiger Jahren Teilnehmer des Ersten Weltkriegs bei der Benennung von Kasernen und Straßen zu Ehren kamen, habe man damals auf die des Zweiten zurückgegriffen, sofern diese nicht eindeutig belastet waren. "Das sind die Namen, die uns jetzt auf die Füße fallen", sagt Potempa.

Dabei haben die meisten der geehrten Wehrmachtsoffiziere noch nicht einmal einen Bezug zu Fürstenfeldbruck, wie der ehemalige Stadtarchivar Michael Volpert betont. Volpert hat sich 2005 mit den acht Wehrmachtsoffizieren befasst, nach denen immer noch Straßen in der außerhalb des Kasernenareals gelegenen, aber dem Bund gehörenden Fliegerhorstsiedlung benannt sind. Er stellte in seinem Bericht an die Stadt grundsätzlich in Frage, ob sich Wehrmachtsangehörige aufgrund ihrer Verstrickung in einen verbrecherischen Krieg zur Ehrung eignen, wenn sie nicht ausgewiesene Regimegegner waren. Zumindest für die beiden Mitglieder der berüchtigten Legion Condor - Günther Lützow und Sigmund Freiherr von Gravenreuth - hielt er eine Umbenennung für angebracht. Schließlich gibt es einen Bundestagsbeschluss von 1998, wonach Angehörige dieser verdeckt operierenden deutschen Einheit im spanischen Bürgerkrieg, die unter anderem für die Zerstörung der Stadt Guernica verantwortlich war, kein ehrendes Andenken zu Teil werden soll.

Auf dem eigentlichen Fliegerhorstgelände wurden auf öffentlichen Druck 2005 und 2006 die Straßenschilder abmontiert, die an Wehrmachtsoffiziere erinnerten. Allerdings ohne jede Aufarbeitung oder Distanzierung. Auch unbedenkliche Straßennamen wurden getilgt, darunter die nach dem französischen Flieger und Autor benannte Exuperystraße. Stattdessen heißen nun alle Wege in der Kaserne "Straße der Luftwaffe", und der damalige Standortälteste Thomas Gericke betonte bei der Umbenennung ausdrücklich, dass damit auch die Luftwaffe der Wehrmacht gemeint ist.

Die Ankündigung, auch die Straßennamen in der Fliegerhorstsiedlung zu ändern, machte Gericke nicht wahr. Auch sein Nachfolger Robert Löwenstein, der derzeit mit der Auflösung des Bundeswehrstandortes beschäftigt ist, hat nach Angaben eines Sprechers nicht vor, das Thema noch einmal aufzugreifen. Bevor die Kaserne und die Siedlung an die Stadt übergehen, wird sich demnach nichts tun. Es kann also noch Jahre dauern, bis die unselige Traditionspflege endgültig der Vergangenheit angehört. Zumal die Straßennamen nicht so schnell aus den Stadtplänen verschwinden, wie die Schilder. Auf der Karte von Google Maps gibt es in Fürstenfeldbruck sechs Jahre nach der Umbenennung noch keine Straße der Luftwaffe, dafür feiern der von den Nazis als Fliegerheld geehrte Werner Mölders, ebenfalls ein Mitglied der Legion Condor, und andere Wehrmachtsoffiziere als Namenspatrone fröhliche Urständ. Immerhin: Im Internet hat auch die Exuperystraße überlebt.

© SZ vom 13.01.2012
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