Reden wir über:Das Rauschen in Corona-Zeiten

Lesezeit: 2 min

Seismologe Joachim Wassermann über aktuelle Erdbeben-Messung

Interview von Stefan Salger

Joachim Wassermann, 55, leitet seit 2004 das Geophysikalische Observatorium der Ludwig-Maximilians-Universität auf der Ludwigshöhe im Südosten der Kreisstadt. Mit sensiblen Geräten werden dort Erdstöße registriert und analysiert, die sich unter der Oberfläche über weite Strecken fortpflanzen. Wirkt sich die Corona-Krise auf die Wissenschaft aus? Das wollte die SZ von dem promovierten Seismologen () wissen.

SZ: Das Unruhe-Niveau steigt in den Familien, die in den zurückliegenden Wochen eng zusammenrücken mussten, spürbar. Wie verhält es sich mit dem Unruhe-Niveau aus seismologischer Sicht?

Joachim Wassermann: Da hat sich seit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen schon etwas verändert, auch wenn das Unruhe-Niveau in unseren Messungen nicht wirklich stark gesunken ist. Denn in Deutschland haben wir ja keinen kompletten Shutdown wie in Brüssel oder Norditalien. Dort ist das Niveau des Hintergrundrauschens teils um die Hälfte abgesunken, da hier anders als in Deutschland die Industrie weitaus stärker heruntergefahren worden ist. Unter solchen Umständen könnte man in der Tat auch kleinere Erdbeben registrieren und lokalisieren, die sonst im Rauschen untergehen würden.

Dann haben Sie seit Mitte März also gar nicht von der größeren Ruhe profitiert?

Bei uns war es um die Weihnachtsfeiertage und Neujahr noch ruhiger als seit Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen. Im Gegensatz zur Station auf der Zugspitze. Dort gab es in den Weihnachtsferien ja sogar ein Plus an Tourismus - zurzeit aber ist es dort besonders ruhig, weil auch die Kabinenbahn nicht mehr fährt. Wenn es über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren so ruhig bleiben würde, dann brächte uns das sicherlich spürbare Erkenntnisse. Aber das will natürlich niemand.

Gab es so eine lange Phase relativer Ruhe schon mal?

Nein. Das, was wir natürlich spüren, sind kurz andauernde Ruhephasen, wie durch den Tag-Nacht-Wechsel - wobei nachts wiederum Güterzüge fahren. Wir bemerken natürlich auch lokal, wenn die Bundesstraße, die am Observatorium vorbeiführt, wegen eines Unfalls gesperrt wird. Dann sinkt das Hintergrundrauschen ebenfalls kurzzeitig.

2017 hat das Observatorium ein aus Ringlasern bestehendes Tetraeder in Betrieb genommen, das Bewegungen und Rotationen im Erdinneren oder in vielen Tausend Kilometern Entfernung registrieren kann. Hat Romy ("Rotational Motions in Seismology") sich seither bewährt?

Wir haben gute und auch weniger gute Erfahrungen gemacht, so wie das bei so komplexer Technik oft ist. Es ist natürlich sehr reizvoll, mit insgesamt sechs verschiedenen Komponenten die Bewegung in allen drei Raumrichtungen aufzuzeichnen und zu verstehen, aber die Stabilität könnte noch etwas besser sein. Hier handelt es sich halt auch um ein Instrument der physikalischen Grundlagenforschung. Da sind noch viele Experimente geplant. Es bleibt spannend.

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