Projekt:Der Hühnervogelmann

Alexander Schaupp hat für ein Modellprojekt des Bayerischen Jagdverbandes mit drei Teilnehmern fast 150 Fasane groß gezogen. In seinem Allinger Revier werden sie ausgewildert

Von Heike A. Batzer

Als Alexander Schaupp die Tür öffnet, huschen sie davon. Ins Versteck. Hinter die vielen Zweige und kleinen Fichten. Nach und nach lugen und kommen einzelne Jungfasane wieder hervor. Drei Wochen sind sie nun alt und sollen bei Alexander Schaupp größer werden. Dann wird er sie auswildern. Schaupp, Revierpächter in Alling, ist einer von dreien, die der Bayerische Jagdverband (BJV) für sein Modellprojekt ausgewählt hat.

Noch sehen sie unscheinbar aus in ihrem durchgängig bräunlichen Tarnkleid. Die Weibchen werden so bleiben, die Männchen später das für Fasane typisch auffällige Farbkleid bekommen: blaugrün schimmernd der Hinterkopf, kräftig rot die Hautlappen an beiden Kopfseiten, weiß der Ring um den Hals und rotbraun das Gefieder am Körper. In der BJV-Niederwildstation im oberfränkischen Wunsiedel wurden die Küken gezüchtet und dann an jene drei Revierpächter in Bayern abgegeben, die den Zuschlag für das Projekt erhielten. Einer davon ist Alexander Schaupp. Der 35-Jährige wohnt in München-Pasing, betreibt dort eine Schreinerei. Seit 2018 ist er Jagdpächter in Alling, das Revier an der Westseite der Gemeinde umfasst 520 Hektar. Den ehemaligen Jagdpächter von Alling, der ebenfalls Schreiner und sein Lehrmeister war, hat er öfter begleitet. Als dieser 2017 überraschend starb, übernahm Schaupp. Reviere seien sehr begehrt, sagt er. Es gehöre auch Glück dazu, eines zu bekommen.

Um für das Modellprojekt des Verbandes ausgewählt zu werden, musste Schaupp einen langen Fragenkatalog beantworten und nachweisen, dass sein Revier geeignet ist für den Fasan und dieser darin Überlebenschancen hat. "Lebensraum, Nahrungsangebot und der Druck vor Fressfeinden müssen passen", sagt Severin Wejbora, Leiter der BJV-Landesjagdschule und der Niederwildstation, über die Bewerbungsbedingungen. Geradezu "mustergültig" erfülle Schaupps Revier die geforderten Kriterien.

"Der Fasan ist ein schöner Vogel", sagt Schaupp. Knapp 150 Küken hat er bekommen, in zwei annähernd gleich großen Gruppen im Abstand von wenigen Wochen. In seiner ehemaligen Werkstatt in Pasing hat er für sie einen Stall gebaut. Als Schreiner kann er so was. Oben drüber hängt ein Gittergewebe, damit die Vögel nicht abhanden kommen. Denn schon zwölf Tage, nachdem sie aus dem Ei schlüpfen, sind die Nestflüchter flugfähig. Neben der Einhausung steht eine Leiter. Von oben blickt Schaupp dann und wann auf die muntere Schar. Zu häufig will er sich nicht nähern, sie sollen sich nicht an den Menschen gewöhnen. Stattdessen sollen sie lernen, in Deckung zu gehen. Das ist überlebenswichtig für sie in der Natur.

Die 75 Jungfasane huschen munter hin und her, hinter die kleinen Fichten, dann wieder hervor und unter eine der drei Wärmelampen, die Schaupp dort aufgehängt hat und die für eine Temperatur von 35 Grad sorgen. Sie haben viel Wasser zur Verfügung und bekommen spezielles Aufzuchtfutter, dazu Mehlwürmer, gehackte Brennnessel und mittlerweile auch schon ganze Blätter, "damit sie das Rupfen lernen", erklärt Schaupp. Dreimal am Tag gibt es Futter, auch Vater, Mutter, die Freundin helfen bei der Versorgung mit. "Sie müssen alle mitziehen, sonst ginge das nicht", weiß er: "Gerade in der Anfangszeit ist das sehr arbeitsintensiv." Ein Dauerpiepsen ist zu hören. Dann und wann steigt einer der kleinen Fasane in einen flachen, mit Sand gefüllten Untersetzer, um darin ein Staubbad zu nehmen, wie es alle Hühnervögel gerne tun.

ALLING: Fasane in Auswilderungsvoliere

Alexander Schaupp.

(Foto: Leonhard Simon)

Zur Römerzeit wurde der Fasan aus Asien nach Europa eingeführt. Eine abwechslungsreiche Landschaft mit Feldern, Wiesen, Hecken, Feldgehölzen und Schilfzonen ist sein bevorzugtes Revier. Doch die Lebensbedingungen haben sich verschlechtert. Der Fasan leidet wie viele andere Bodenbrüter unter der massiven Veränderung der Feldflur und einer intensiven Landwirtschaft. Der Jagdverband will mit seinem Ansiedlungsprojekt dazu beitragen, dass Jagdpächter und Landwirte zusammenarbeiten und Lebensräume schaffen. "Der jagdliche Aspekt steht dabei nicht im Vordergrund", betont Wejbora eigens. Seit 2016 gibt es das bayerische Auswilderungsprojekt für Fasane und Rebhühner. Das Ziel dabei ist, dass sich die Vögel später in der Natur fortpflanzen und "einen Bestand begründen", wie Fachmann Wejbora sagt. Wie vielen wird das gelingen? Durchschnittlich überleben etwa 30 Prozent der Fasane das erste Jahr - ein Wert, der für den Aufwuchs in der Natur als auch bei der Auswilderung gilt.

Ortswechsel: Allinger Flur. Jagdpächter Schaupp ist früh unterwegs, seit morgens um zwei. Gegen sieben schaut er an der Auswilderungsvoliere vorbei. Die hat einen Durchmesser von acht Metern, anderthalb Meter davor ist ringsum ein Elektrozaun gespannt. Der soll Feinde wie den Fuchs davon abhalten, der Voliere zu nahe zu kommen. Auch Menschen sollen das nicht tun, deshalb soll der genaue Ort nicht verraten werden. 69 Fasane sind darin, acht Wochen sind sie alt. In der Voliere und um die Voliere herum wächst mannshohes Miscanthus, auch Chinaschilf oder Elefantengras genannt. Eine schnell wachsende Energiepflanze, die über den Winter stehen bleibt und den Fasanen gute Versteckmöglichkeiten vor Feinden liefern kann. Zusätzliches Futter findet sich in Eimern, die die Fasane später auch außerhalb der Voliere vorfinden werden.

Das Wetter an diesem frühen Morgen ist schön. Die Sonne scheint. Alexander Schaupp wird nachher das Gatter öffnen und seine ersten 69 Fasane in die Freiheit entlassen. Sie dürfen einfach rauslaufen. Er hofft, dass sie wissen, wie sie sich in freier Natur verhalten müssen, wo sie Futter finden und wo sie sich in Deckung begeben können. Wochenlang hat er sich jetzt um die Vögel gekümmert. Nun sind sie dann einfach so weg. "Jetzt sind sie auf sich selber gestellt," sagt Schaupp: "Ich hoffe, dass viele durchkommen." Die Verantwortung ist er aber vorerst noch nicht ganz los. Eine Woche später hat er seine zweite Gruppe in die Voliere gebracht.

© SZ vom 31.07.2021
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