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Nachwuchsmusiker:Meisterhaft

Der 14-jährige Tassilo Probst gewinnt bei einem Wettbewerb eine mehr als 300 Jahre alte Spitzengeige. Sie soll ihm helfen, seinen Traum von der Karriere als Solist zu verwirklichen

Es war das Todesjahr des Abts Martin I. Dallmayr, dem wohl bedeutendsten Leiter des Brucker Klosters, Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach waren zarte fünf Jahre alt, und in Emmering hatte man gerade die Pfarrkirche vergrößert. Doch 1690 war auch aus einem anderen Grund ein bedeutendes Jahr: In Mailand fertigte der Geigenbaumeister Giovanni Grancino in seiner Werkstatt eine außergewöhnlich gute Violine.

Nun, 327 Jahre später, hat genau dieses Instrument seinen Weg in die Hände eines hoch talentierten Nachwuchsgeigers gefunden. Genauer gesagt hat sich der 14-jährige Emmeringer Tassilo Probst das Instrument hart erarbeitet. Denn beim 25. Wettbewerb des Deutschen Musikinstrumentefonds begeisterte er als einer der jüngsten Teilnehmer die Jury so sehr, dass sie ihm das wertvolle Instrument als Preis zuerkannte.

"Am Anfang hatte ich schon großen Respekt vor dem Instrument", erzählt Probst, während er das Instrument aus dem Koffer holt, "aber mittlerweile fühlt es sich ganz normal an". Gerade so, als wolle er seine Entspanntheit demonstrieren, fasst er die Violine locker am Griffbrett. Und dennoch spürt man, wie stolz er auf das Instrument ist, das er nun erst einmal für ein Jahr als Leihgabe bekommen hat. Dann muss er sich erneut bewerben. So könnte es bis zu seinem 28. Geburtstag gehen, dann ist er zu alt für den Wettbewerb.

Wenn bis dahin alles so läuft, wie es sich der 14-Jährige vorstellt, ist er bis dahin ein bekannter Solist oder zumindest Konzertmeister in einem großen Orchester. Alternativen? Darüber habe er sich bisher keine Gedanken gemacht, erzählt er mit der Naivität, mit der andere Kinder in seinem Alter davon sprechen, dass sie einmal Astronaut werden wollen oder vielleicht Fußballprofi. Doch dabei ist Probst kein Träumer, sondern einer, der trotz seiner jungen Jahre genau weiß, was auf ihn zukommt. Das bekommt er nicht zuletzt dadurch mit, dass er bereits als Jungstudent an der Münchner Hochschule eingeschrieben ist und schon mehrere Meisterkurse bei verschiedenen Professoren belegt hat. Wahrscheinlich ist es gerade deshalb so, dass er sich so genau entschieden hat und nun alles dafür tut, seinen Traum zu erreichen. Dass es noch viele Stellen gibt, an denen er scheitern kann, ist ihm bewusst, er lässt einfach nur den Gedanken des Scheiterns nicht zu. Dazu passt auch seine Antwort auf die Frage, ob er sich manchmal Zukunftssorgen mache. "Eigentlich nicht. Vielleicht viermal im Jahr".

"Als Musiker sollte man sich im Alter von 12 bis 16 Jahren entscheiden, was man machen möchte: Solist, Orchestergeiger, Lehrer oder aufhören". Da Probst sich für den Solisten-Weg entschieden hat, muss er nun um Einladungen für Auftritte mit Orchestern, Gastspiele und Wettbewerbe bemühen. Im Oktober 2016 stand er erstmals als Solist auf der Bühne, begleitet vom Sinfonischen Orchester der Philharmonie Bad Reichenhall, bei "Jugend Musiziert" hat er bereits mehrere erste Preise gewonnen, auch auf Bundesebene.

Auch seine Übungsziele haben sich in den vergangenen Monaten verändert. Natürlich ist auch die Technik weiterhin wichtig, vor allem aber arbeitet er aktuell daran, emotionale Tiefe in seine Interpretationen zu bekommen. "Ich versuche, mich in die Situation der Stücke hineinzufühlen. Wenn ich etwas Trauriges spiele, dann erinnere ich mich dabei daran, wie es für mich war, als mein Hund gestorben ist. Und wenn ich ein fröhliches Stück spiele, denke ich an einen meiner Wettbewerbssiege". Seine Lehrer sind David Frühwirth, den er sogar als seinen Bruder bezeichnet, so gut verstehen sich die beiden, und die Professorin Sonja Korkeala.

Und Probst interessiert sich nicht nur dafür, wie er die besten Töne aus seinem Instrument herausholt, sondern auch dafür, dass alles überhaupt funktioniert. Deshalb hat er im vergangenen Jahr ein Praktikum beim Münchner Geigenbauer Wörz gemacht. "Ich habe dort viel gelernt und verstehe mein Instrument jetzt noch besser", erzählt Probst. Für seine neue italienische Meistergeige hat er sich bereits einen neuen Steg anfertigen lassen, hat sich von einem Experten genau das Innenleben zeigen lassen. Er experimentiert ständig mit neuen Saiten, um den perfekten Klang aus seiner Geige herauszuholen. "Sie hat einen viel offeneren Klang als meine alte, ist heller und auch lauter". Und dann lässt sich der 14-Jährige doch noch zu etwas Begeisterung verleiten. "Das ist schon eine super Geige".

© SZ vom 18.03.2017
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