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Nach 58 Jahren Selbständigkeit:Nicht alles muss raus

Auf die Ware, die Klaus Traimer in seinem Geschäft für Fanartikel in Germering auf Lager hat, gibt er im Ausverkauf einen Rabatt von 50 Prozent. 58 Jahre Selbständigkeit wird er hinter sich haben, wenn er den Laden für immer schließt.

(Foto: Günther Reger)

Klaus Traimer schließt seinen Fanartikelladen in Germering mit einer Rabattaktion. Nur ein Plakat der Sechziger von 1964 mit allen Unterschriften der Spieler will sich der bald 76-Jährige aufheben

Von Karl-Wilhelm Götte, Germering

"Wehmut" ist das Gefühl, das Klaus Traimer beschleicht, sagt er, "aber auch Frust über die Coronazeit." Ende Juni schließt er seinen Fanartikel-Shop an der Germeringer Otto-Wagner-Straße. 20 Jahre lang hat er dort alle möglichen und unmöglichen Fanartikel verkauft. 15 Jahre auf der einen und davor fünf Jahre auf der anderen Seite der Straße. Höhepunkte waren immer wieder eine Fußball-WM oder eine EM. Auch diesmal offeriert er im ganz eigenen Endspiel seines langjährigen Geschäfts wieder diverse EM-Fanartikel. Die Deutschland-Autofahne für zwei Euro und alle anderen EM-Sachen im Schlussverkauf mit Rabatt. Fahnen von allen Ländern, die bei der EM dabei sind, hat er natürlich wieder im Angebot.

"Wenn Deutschland ins Turnier richtig eingreift, dann geht's los", hat Traimer vor jeder WM oder EM gesagt und so kam es dann auch. Traimer erinnert sich noch an das heimische "WM-Sommermärchen" 2006. "Das war eine richtige Hysterie und ein Public-Viewing an jeder Ecke." Keine Frau habe er damals ohne eine Deutschlandfahne am Fahrrad gesehen. 2010 zur WM in Südafrika verkaufte er die legendären Vuvuzelas, die für europäische Ohren schwer erträglichen WM-Krachmacher im Elefantenherden-Dauerton. 2014 zur WM in Brasilien gab es Haarreifen mit Deutschlandfarben und Hula-Armreifen für 2,95 Euro. Die Damenwelt trug Hula-Halsketten in Schwarz-Rot-Gold. "Firmen kamen vorbei und holten sich WM-Dekorationsmaterial für die Kantine oder für eine Party", erzählt Traimer. Renner war die Wimpelkette mit allen 32 Ländern, die man in der Kantine unter der Decke hängen konnte. Der damalige WM-Hit war auch die Bierflaschentrompete in den deutschen Farben für 3,95 Euro. Natürlich sind für die EM, die in der nächsten Woche startet, wieder Deutschland-T-Shirts in allen Größen zu haben.

Klaus Traimer will in seinem finalen Rabattverkauf möglichst noch alles loswerden, was er in seinem Laden hat. Darunter auch eine rückwärtslaufende bayerische Uhr. Das Plakat an der Eingangstür wird er jedoch behalten. Es zeigt die Mannschaft des TSV 1860 München nach deren Pokalsieg 1964 mit allen Unterschriften der Spieler von Radi Radenkovic bis Rudi Brunnenmeier. "Ich bin ein Sechz'ger", bekennt Traimer noch einmal nachdrücklich. Damals zog 1860 ein Jahr später ins Europacupfinale ein und verlor im Londoner Wembley-Stadion 0:2 gegen West Ham United. 1966 wurde Sechzig Deutscher Meister. Das waren noch Zeiten. Natürlich gibt es von den "Löwen" auch viele Fanartikel in seinem Laden. Doch die "Roten" dominieren. Der Katalog des FC Bayern umfasst inzwischen etwa 1200 Artikel.

Trainer wird bald 76 Jahre alt. Ans Aufhören hat er sicherlich schon länger gedacht. "Es war nicht nur Corona", sagt er, "aber das war der Anlass." Denn so wenig Geschäft wie unter Corona hat er noch nie erlebt. Seit Mitte Dezember vergangenen Jahres kam er jeden Tag um neun Uhr morgens ins Geschäft und hat die wenigen georderten Artikel für die Kunden zur Abholung hergerichtet und spätestens gegen 14 Uhr war er wieder zu Hause. "Da bin ich lieber mit meiner Frau spazieren gegangen", erzählt er rückblickend. Die Anfang Dezember bestellten Weihnachtssüßigkeiten mit FC Bayern-Logo für 3000 Euro musste er zum großen Teil selber essen oder entsorgen. Die monatliche Pacht von 800 Euro habe er mangels Einnahmen aus seinem Privatvermögen zahlen müssen. Staatliche Soforthilfe hat Traimer bekommen, auf die Überbrückungshilfe wartet er noch.

Seit 58 Jahren ist Traimer selbständig. Schon mit 18 Jahren begann sein Unternehmerdasein, als er das Lebensmittelgeschäft seiner Mutter in Gilching übernahm. Jetzt verkauft er nur noch beim SCUG-Handballverein. Sein Fazit ist eines, das seine Freude mit den Menschen beschreibt und sich durch sein Leben zieht: "Vermissen werde ich die Kunden, mit denen ich gerne geratscht habe." Und zu reden gab es viel, vor allem über die Bayern und die Sechziger.

© SZ vom 08.06.2021
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