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Mitten in Maisach:Die Tauben auf Nachbars Balkon

Wenn das Wohnzimmer coronabedingt zum Büro wird, bekommen auch Vögel eine andere Bedeutung

Glosse von Ariane Lindenbach

Das Leben ist kein Ponyhof." Wann, wenn nicht jetzt, würde dieser Spruch besser passen? Seit nunmehr 15 Monaten besteht das Leben aus davor für unmöglich gehaltenen Ausnahmen - Kindern wird der Schulbesuch verboten, Managern die Geschäftsreise und Künstlern der analoge Austausch mit ihren Fans. Und ja, man kann das alles leichter ertragen, wenn man verinnerlicht hat, dass im Leben nicht immer alles so läuft, wie man das selber gerne hätte. Denn: Die Zeitspanne zwischen Geburt und Tod ist nun mal kein Wunschkonzert (wahlweise Ponyhof, Zuckerschlecken - selbst die Blumenwiese musste für diese Binsenweisheit schon herhalten).

Im Alltag freilich ist das eigene Verhalten nicht immer so abgeklärt und souverän wie es solche Lebensweisheiten empfehlen. Beispiel: die Tauben auf dem Balkon der Nachbarn. Seit Jahren nisten sie im Gebälk unterm Dach, direkt gegenüber vom eigenen Schlafzimmer. Welches seit mehr als einem Jahr auch Büro und Fitnessstudio ist. Bis dahin waren sie nur die ungeliebten, wenig beachteten Ratten der Lüfte. Gut, man wunderte sich gelegentlich schon über diese Menschen gegenüber, die anscheinend Gefallen an solch wilden, gefiederten Haustieren finden, obwohl sie doch als Virenschleudern bekannt sind. Ansonsten nahm man das Gurren und Turteln nur am Rande wahr.

Doch seit man die meiste Zeit des Tages im Zimmer gegenüber dieses Balkons in Maisach verbringt, sind die Tauben zu permanenten Begleitern geworden. In eine Recherche vertieft, unterbricht ein Gurren den Gedankenfluss. Entnervt geht man zum Fenster, späht nach den verhassten Vögeln, sinnt nach Möglichkeiten, sie von ihrem angestammten Balkonplatz zu vertreiben, äh, vergrämen, wie das im Fachjargon heißt.

Mit den ebenfalls wenig beliebten Saatkrähen in Puchheim wurden ja schon einige Tricks probiert: glitzernde Ballons in den Bäumen, falsche Vogeleier. Wirklich viel genützt hat bislang nichts. - Vielleicht wäre es ja auch klüger, die Tauben einfach als Nachbarn zu akzeptieren? Und sich nicht immer von ihnen stören zu lassen. Wie schon gesagt, das Leben ist eben kein Ponyhof! Ein Aha-Erlebnis am Sehnsuchtsort der Kindheit hilft, die eigene Einstellung zu verändern. Nämlich die verblüffte Feststellung, dass am Wohnort der Großeltern auch ganz viele Tauben leben. Und wie sehr man ihr Gurren als Kind mochte. Zurück in Maisach fallen einem plötzlich andere Dinge an den gefiederten Nachbarn auf. Etwa das sie fast immer zu zweit unterwegs sind. Und dass einen ihr Gurren nicht mehr stört.

© SZ vom 17.05.2021
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