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Mitten in Germering:Traumwohnung im Betongebirge

Bauträger und Gegner des Projektes "Kreuzlinger Feld" buhlen mit Postwurfsendungen um die Gunst der Einwohner

Glosse von Karl-Wilhelm Götte

Die Materialschlacht ist in vollem Gange. Erst flatterte ein Flyer der Bürgerinitiative "Lebenswertes Germering" samt Unterschriftenliste in den Briefkasten. Wenige Tage später trifft eine Broschüre der Firma Vilgertshofer ein. Die Bürgerinitiative (BI) sammelt Unterschriften für ein Bürgerbegehren. Titel: "Gegen Verkehrschaos und Bauwahn am Kreuzlinger Feld." Die Allinger Baufirma, die sich für die Verwirklichung des riesigen Projektes mit der HI Wohnbau GmbH aus München zusammengetan hat, macht dagegen Werbung mit dem Slogan: "Wir bauen Zukunft - Ihre Zukunft" und legt weiter unten noch nach: "Vielfalt, die allen zugute kommt - auch und gerade den Nachbarn."

Auf dem gedruckten Papier haben die Bauherren und Investoren die verbale Materialschlacht erst einmal mit 8:2, also mit acht DIN A 4- zu zwei DIN A 4-Seiten gewonnen. Vilgertshofer punktet mit anschaulichen Grafiken, die in grünen Farbvariationen gehalten sind, um das Auge des Betrachters angenehm zu umschmeicheln. 1500 bis 2500 Menschen sollen - je nach Standpunkt - gegenüber des TSV-Sportzentrums und des Seniorenheims Curanum mal wohnen. Das würde Germering von 41 000 auf etwa 43 000 Einwohner bringen. Kita, Grundschule und Supermarkt sind vorgesehen.

Die BI muss schon mangels Platzes auf dem Flyer plakativer daherkommen. "Über 7800 Kfz-Fahrten mehr pro Werktag" mahnen die Gegner der Bebauung. "Versiegelung aktuell geplant mit 78 Prozent", heißt es weiter und "Kein durchdachtes Radwegekonzept". Ein "Betongebirge" komme auf Germering zu. Die Positionen von BI und Bauherrn liegen meilenweit auseinander, widersprechen sich in allen Punkten. 630 bedarfsgerechte 1- bis 5-Zimmer-Wohnungen versprechen die Investoren, davon würden 190 Wohnungen im staatlich geförderten Wohnungsbau realisiert. Die Preisbindung soll statt 25 sogar 30 Jahre gelten. Versprechungen finden sich dutzendfach, darunter auch "öffentliche Ladestationen für E-Autos und E-Fahrräder".

Warum eigentlich auf öffentlichem Grund für private Anlieger? fragen sich die Kritiker des Bauvorhabens. Werden so für die Anwohner dauerhafte Parkplätze geschaffen? Die BI, die sich beklagt, dass der Stadtrat ihre Argumente beim Planungsverfahren ignoriert hätte, möchte per Bürgerentscheid ein neues "zeitgemäßes Planungsverfahren" erreichen. Die Bauherren krönen ihren Punktsieg in der Materialschlacht mit einem "Bonus", aber nur für "echte Germeringer". Zwei Prozent Preisrabatt gewähren sie Menschen, die mindestens 18 Jahre in Germering wohnen.

© SZ vom 07.04.2021
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