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Mitten in Germering:Tragödie im DIN-A 4-Format

Das ausgetüftelte Konzept für den Vorlesetag 2020 landet coronabedingt in der Schublade

Glosse von Florian J. Haamann

Es sollte ein ganz großer Tag werden in Germering, dieser anstehende 20. November. Eine ganze Projektgruppe hat zusammengesessen, um alles zu koordinieren, Aktionen zu planen, einzelne Veranstalter zusammenzubringen. An neun Orten sollte vor allem bei Kindern die Lust am Lesen und am Buch geweckt werden, an diesem Vorlesetag 2020. "Es ist uns wichtig, dass durch die Bündelung und gemeinsame Bewerbung der unterschiedlichsten Vorleseorte eine größtmögliche Aufmerksamkeit auf diesen Tag gelegt wird, da Vorlesen leider an Popularität verloren hat", heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung der Initiative. Es ist ein tragisches Dokument der Zeitgeschichte. Auf vielen Zeilen beschreiben die Organisatoren liebevoll, was sie sich für diesen besonderen Tag alles ausgedacht haben.

Doch dann müssen auch sie sich der Realität stellen. "Schon im Vorfeld war am Abenteuerspielplatz eine Lesung am Lagerfeuer im Freien geplant. Martin Pollok bedauert sehr, dass auch dies nicht möglich ist. Auch Monika Prommer musste leider die Vorlesestunde absagen, "da keine Gruppentreffen erlaubt sind". Zeile für Zeile fällt der Aktionstag den Coronamaßnahmen zum Opfer. Eineinhalb DIN-A4-Seiten lang wächst Buchstabe für Buchstabe das Mitleid mit all diesen Menschen. "Anita Schindler hat Verständnis für die Maßnahme und ist dennoch traurig", heißt am herzerweichenden Höhepunkt. Der Leser ist emotional gebrochen und mit den Organisatoren verzweifelt. Doch aufgeben oder resignieren? Kommt nicht in Frage! "Das Mütterzentrum hat sich zusammen mit dem Bündnis für Familien etwas Tolles einfallen lassen", es erscheint der berühmte Silberstreif am Horizont. Statt einer Lesung gibt es selbst gepackte "Leserucksäcke" für die Kinder. Die Buchhandlung Lesezeichen schließt sich dieser Idee an und bietet Eltern an, sich an diesem Freitag kleine Vorlesetäschchen abzuholen. Und so wünscht man den Organisatoren am Ende aufrichtig, dass es sich erfüllt, wenn sie sich wünschen, "dass die Zeichen für den Vorlesetag 2021 wieder unter einem besseren Stern stehen".

© SZ vom 19.11.2020
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