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Mitten in Fürstenfeldbruck:Waldkindergarten ohne Wald

Auch wenn es sich Brucker Stadträte wünschen, der Ortsteil Puch bietet Kindern keinen Wald zum Spielen

Glosse von Stefan Salger

Manchmal reicht es nicht, einfach die Augen zuzukneifen und sich ganz feste was zu wünschen. So was kann, widewidewitt, nur Pippi Langstrumpf. Wer etwa in der Wüste steht, kann keinen Kopfsprung ins kühle Wasser machen. Da könnte man bestenfalls ein Sandbad nehmen (einem neunmalklugen Online-Lexikon zufolge steht so was bei Vögeln und Pferden hoch im Kurs). Aber mit Kraulen, Rückenschwimmen oder Tauchen wird's mangels Wasser halt doch eher nichts.

Im Fürstenfeldbrucker Sozialausschuss wird jüngst deutlich, dass sich auch bei Kitas eine unüberbrückbare Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit auftun kann. Es geht darum, ob im Ortsteil Puch eine Kindergartengruppe eingerichtet werden soll. Schnell macht der Begriff "Waldkindergarten" die Runde. Wäre doch toll so was, zumal Kinder von heute Wald, Flur, Vogel und Pferd eher in zweidimensionaler Variante kennen - vom Blick auf Bildschirm oder Handy.

Dann aber meldet sich ein Bedenkenträger zu Wort: Andreas Lohde. Der Einwand des CSU-Fraktionschefs ist in der Tat nicht ganz von der Hand zu weisen. In Puch gebe es, so Lohde, praktisch gar keinen Wald, der diesen Namen verdient, sondern bestenfalls ein paar dünne, junge Bäumchen. Da müssten die Kinder also beim Durchrobben aufpassen, sich nicht zu piksen an dem einen oder anderen Ästlein. Ratlosigkeit. Willi Dräxler von der BBV verweist in einem Rückzugsgefecht noch auf real existierende Restbestände eines Pucher Waldes. Der Umschwung naht aber erst, als sich das Gremium einer Strategie besinnt, die sich bei belasteten Straßennamen bewährt hat: die Umbenennung. Und so wird aus dem Wunschprojekt "Waldkindergarten"... kurzerhand das Wunschprojekt "Naturkindergarten" (das sich auch so in dem in weiser Voraussicht formulierten BBV-Antrag findet). Die Dreikäsehochs können ja auch auf Feldern und Wiesen rumtoben, auf Augenhöhe mit den Wipfeln der Baumsetzlinge. Oder auf der prächtigen Streuobstwiese hinter Dräxlers Haus.

Aber ganz so einfach will sich das Kind nicht umtaufen lassen - füttert man das bereits zitierte schlaue Online-Lexikon mit dem Begriff "Naturkindergarten", so spuckt es stoisch eine altbekannte Rubrik aus: "Waldkindergarten". Als werde da ein großer Etikettenschwindel entlarvt.

© SZ vom 25.11.2020
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