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Literatur aus Eichenau:Bunte Rauschbilder

Roman

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 als Auslöser: Buchcover von Florian Kirners Roman.

(Foto: Westend-Verlag)

"Leichter als Luft": Florian Kirner legt einen besonderen Berlin-Roman vor

Er, sie und es gehen in eine Bar. Was klingt, wie der Eröffnungssatz eines Witzes, ist in Florian Kirners erstem Roman "Leichter als Luft" der Einstieg in eine phantasmatische Gegenwelt, in der Geschlechtlichkeit undefiniert und Realität Auslegungssache ist. Psychoaktive Rauschmittel befördern die Protagonisten von den ersten Seiten an dorthin. Eine als rauschhaft empfundene Sprache voller Gedankenströme und Neologismen, die gerade am Anfang einen nahezu psychedelisch wirkenden Erzählstil erzeugt, stellt sicher, dass der Leser ihnen folgt.

Als einen Urknall bezeichnet Kirner, der in Puchheim und Eichenau aufgewachsen ist und mittlerweile auf einem mittelalterlichen Schloss im südthüringischen Weitersroda wohnt, den 11. September 2001. Kurz nach den Terroranschlägen in den USA begann Kirner, damals 26 Jahre alt und in der linken Szene aktiv, an seinem Debütroman zu schreiben, der am 2. September veröffentlicht wird. Und mit den wuchtigen Bildern des brennenden World Trade Centers steigt man in "Leichter als Luft" auch ein in das Gegendasein einer in dieser Form ausgerotteten Berliner Subkultur, die von radikalen Meinungsexplosionen, Widersprüchlichkeiten und Elektromusik lebt.

Durch die schubweise Arbeit an dem Manuskript hat Kirner in den vergangenen 18 Jahren quasi unregelmäßig Tagebuch geführt und seine Eindrücke zu Textfragmenten verarbeitet. Das Ergebnis ist eine teils autobiografisch geprägte, hoch intellektuell aufgeladene Chronik Berlins und seiner illustren Bewohner, die anregen und abstoßen kann und die ihre Klugheit unaufdringlich unter dem schillernden Dreck der deutschen Hauptstadt verbirgt.

"Leichter als Luft" ist in drei Bücher mit mehreren Kapiteln gegliedert und schließt mit einem Epilog. Im ersten Buch begleitet man das in exerzierter und zelebrierter Andersheit vereinte Trio bestehend aus dem Weazel, Donna Fauna und dem Kanarienquex auf ihren von Drogen, Pseudoschamanismus und gesellschaftlicher Aufbruchsstimmung induzierten Trips, die im Untergrund-Elektroclub "Shivas Paradize" starten und in einer an altrömische Bacchanalien oder die orgiastische Schlussszene von Patrick Süskinds "Das Parfum" erinnernden Eskalation aus Liebe und Hass im Rahmen des "Shiva Gate Festivals" münden.

Schnell merkt man, dass den Pronomen in diesem Buch nicht zu trauen ist. Donna Fauna ist biologisch betrachtet keine Frau. Das Weazel, das man mal für weiblich, mal für männlich halten kann, versteht sich als progressives Wesen der Geschlechtslosigkeit. Namen sind in dieser Kontrawelt wichtig und nichtssagend, je nachdem, ob man sich selbst tauft oder benannt wird. Neben der Darstellung dieser Szene, die Kirner im ersten Buch noch in einer schimmernden, nicht genau zu lokalisierenden Fläche verortet, geht es in dem Roman auch um Identität und darum, ob man sie findet oder kreiert. Und es geht um vielleicht nicht unbedingt das Aufbrechen, aber das Aufzeigen von Gesellschaftsstrukturen.

Mit den bunten Rauschbildern ist es im zweiten Buch, das in der Gegenwart spielt, vorbei. Das Weazel ist weg, denn eine solche antikonforme Gestalt hat im Berlin der Gentrifizierung, der Mieter- und Medienkämpfe keinen Platz mehr. Dafür begegnet man mit Donna Fauna und dem Kanarienquex, die statt freie Liebe zu praktizieren nun die Praxis eines Paartherapeuten aufsuchen, neuen Charakteren wie der berechnenden Lokaljournalistin Lola Mercedes, dem von Ruhmhunger getriebenen Anwalt Jonathan Rischke und dem rätselhaften Einflussnehmer Tädeus von Tadelshofen, auf dessen Landschloss der Hauptteil des Romans im dritten Buch auch endet.

Doch obwohl das Farbenspiel verblasst, findet auch in der restlichen Erzählung keine Schwarz-Weiß-Zeichnung statt. Die von marxistischen Lehren motivierte Aktivistin Donna Fauna ist keine unhinterfragte Heldin, der am Existenzminimum dahinfeiernde Kanarienquex nicht vom missbilligten Mehrheitsmenschentum unabhängig und der superreiche Tadelshofen kein strippenziehender Superschurke. Nicht immer mag man alle von ihnen. Doch zu Kirners Kunst gehört es, Figuren zu schaffen, die einem nicht egal sind.

Obgleich nicht anstrengend zu lesen, ist "Leichter als Luft" keine seichte Lektüre. Der Roman ist angereichert mit Verweisen auf theoretische und literarische Texte aller Art, er springt von Novalis zu Foucault und vom ökologischen Wandel zur Ökonomie der Aufmerksamkeit. Bei all den Ausuferungen kehrt er aber immer wieder in die Alltagswirklichkeit der Charaktere zurück. Und auch der Bezug zur ursprünglichen Heimat des Autors ist in all dem nicht ganz verloren gegangen: Von dem adeligen Tadelshofen, geboren in Teheran, wird erzählt, er habe seinen Wehrdienst einst im Fürstenfeldbrucker Fliegerhorst geleistet.

Der Roman "Leichter als Luft" von Florian Kirner erscheint im Westend-Verlag und ist von Montag, 2. September, an für 17,95 Euro zu erwerben.