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Landsberied:Lernen auf dem Bauernhof

Auf dem Kandlerhof von Christine und Richard Haas (von links) in Landsberied hat sich Gabriele Triebel (rechts) Gedanken dazu gemacht, wie man die "Schule fürs Leben" mit Leben füllen könnte.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel lotet aus, wie Landwirte Tage für Klassen gestalten können. In Projektwochen sollen bayerische Kinder vom kommenden Schuljahr an Alltagskompetenzen erwerben

Von Ingrid Hügenell, Landsberied

Wie bereitet man sich eine Mahlzeit zu, was muss man beachten, wenn man einen Handyvertrag abschließt, woran erkennt man gesunde Lebensmittel und wo kommt eigentlich die Milch her? Damit bayerische Kinder das lernen, was man auch "Alltagskompetenz" nennt, wird es vom kommenden Schuljahr an Projektwochen geben, einmal in der Grundschule, einmal in der 5. bis 9. Jahrgangsstufe, jeweils unter dem Motto "Schule fürs Leben". Ein Tag auf dem Bauernhof könnte für viele Schüler dazu gehören.

Wie man diesen Tag ausgestalten und Landwirte sowie Lehrer einbeziehen könnte, hat die Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel (Grüne) kürzlich bei einem Fachgespräch mit Vertretern der Landwirtschaft auf dem Kandlerhof in Landsberied ausgelotet. Es ging auch darum, wie die Landwirte ebenfalls von dem Programm profitieren können. Die Stimmkreisabgeordnete für Fürstenfeldbruck-West ist selbst Lehrerin und bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. Die Grünen hätten einen Antrag eingebracht, in dem sie Projekttage in jeder Klassenstufe forderten, sagte sie. Die Freien Wähler hätten zunächst sogar ein eigenes Schulfach gewollt, seien davon aber wieder abgekommen.

"Kinder wachsen heute ganz anders auf als wir früher", sagte Triebel, Jahrgang 1960. Von der "Freiheit in der Natur", wie sie selbst sie erlebt habe, könnten die Buben und Mädchen heute nur träumen. "Es wird immer enger, die gesellschaftlichen Bedingungen sind ganz anders." Früher sei es normal gewesen, dass Kinder kochen mussten und zum Einkaufen geschickt wurden. Triebel stellt sich auch die Frage: "Können junge Leute noch eine Waschmaschine bedienen?" Immer mehr Alltagskompetenzen gingen verloren. Die Schule könne nicht alles vermitteln. Bei den Projekttagen sollten solche Themen aber immerhin angerissen werden. Als die fünf "Handlungsfelder", die angesprochen werden sollen, hat die Staatsregierung Ernährung, Gesundheit, selbstbestimmtes Verbraucherverhalten, Umweltverhalten und Haushaltsführung benannt.

Anknüpfen können Schulen, die Klassen auf den Bauernhof schicken wollen, an das seit 2019 bestehende Projekt "Landfrauen machen Schule", bei dem zunächst eine Ernährungsexpertin in den Unterricht kommt. Darauf folgt eine Exkursion auf einen Bauernhof. Andrea Fuß, beim Bauernverband zuständig für die Landfrauen, sagte beim Fachgespräch, es gebe bereits 1000 Bauernhöfe, auf denen Schulklassen willkommen seien. Viele Landwirte wollten sich gerne an dem Projekt beteiligen. Mitmachten könnten alle, auch solche, die nicht dem Bauernverband angehören. Wer Interesse hat, kann sich bei der jeweiligen Kreisbäuerin oder bei den Geschäftsstellen des Bauernverbands melden. Fuß fungiert auch als Mittlerin zwischen dem Bauernverband und dem Kultusministerium.

Sie sagte, sie könne sich vorstellen, dass die Beteiligung an den Projektwochen und die Zusammenarbeit mit Schulen für einige Landwirte sogar zu einem zweites Standbein werden könnten. "Es ist für die Höfe eine Möglichkeit, Einkommen zu generieren." Dem Bauernverband ist auch daran gelegen, den Verbrauchern von morgen die bayerische Landwirtschaft nahezubringen und zu zeigen, "wo kommen die Nahrungsmittel her und was kann ich damit machen". Christine Haas, Bäuerin auf dem Kandlerhof, kennt sich schon aus mit Schulklassen und Kindergartengruppen - sie ist Erlebnisbäuerin. Aber nicht jeder Betrieb sei geeignet, Schülern etwas beizubringen, sagte sie. Manche seien zu klein oder hätten zu viel Arbeit, und nicht jede Bäuerin oder jeder Bauer könne gut mit Kindern und Jugendlichen umgehen. Sie selbst komme gut zurecht mit den jungen Leuten und könne sich vorstellen, daraus ein zweites Standbein für den Betrieb zu machen.

"Aber ich kann das nicht umsonst machen", sagte sie beim Fachgespräch. "Das macht Arbeit, die Ausbildung zur Erlebnisbäuerin hat was gekostet. Ich will dafür auch einen gerechten Lohn." Kreisobmann Georg Huber stimmte ihr zu und wies darauf hin, dass die Landwirte auch hier eine Leistung für die Gesellschaft erbrächten. Außerdem müssten sie mindestens einen halben Arbeitstag investieren. "Diese Zeit müssen die Landwirte vergütet bekommen", sagte Huber.

Dazu muss das Programm aber finanziell entsprechend ausgestattet sein, wie bei dem Gespräch deutlich wurde. Ein Budget von 100 bis 500 Euro pro Klasse sei zu wenig, da waren sich alle einig. "Das Budget muss höher sein, damit die Schulklassen einen Bus bezahlen können", forderte Kreisbäuerin Karin Sepp. Gerade Schulen in der Stadt könnten sich die Anfahrt sonst nicht leisten. Pro Klasse brauche man mindestens 1000 Euro, auch, damit die landwirtschaftlichen Betriebe Geld bekommen könnten.

Weitere Anbieter für Exkursionen seien Umweltverbände wie der Landesbund für Vogelschutz oder der Bund Naturschutz, sagte Triebel. Kreisbäuerin Sepp plädierte dafür, dass die Landwirte mit ihnen zusammenarbeiten. "Das sollte keine Konkurrenz sein, sondern ein Miteinander."

Alle Anregungen und Forderungen, vor allem die nach einem ausreichenden Budget, versprach Triebel mit in den Landtag zu nehmen. Unklar ist noch, ob die Projekttage schon im ersten Halbjahr des neuen Schuljahrs stattfinden können, oder, wegen der Coronakrise, vielleicht erst von Februar 2021 an.

© SZ vom 27.08.2020

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