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Kornkreis:Achteckiger Stern

Kornkreis bei Alling

Geometrische Linien: Ob der achteckige Stern im Weizenfeld von Biburg etwas aussagen soll, darüber hat es viele unterschiedliche Meinungen gegeben.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Die einen hielten ihn für Menschenwerk, die anderen für einen Beweis für Besuch aus dem All. Der Kornkreis im Weizenfeld eines Biburger Landwirts hat vor einem Jahr weit über den Landkreis hinaus Aufsehen erregt

Von Erich C. Setzwein, Alling

Als die Außerirdischen kommen, ist niemand da, um sie zu begrüßen. Kein Helferkreis für Extraterrestrische, kein Kommunalpolitiker, der für sie Traglufthallen und Container errichten darf. Die Aliens halten sich auch nur für wenige Stunden in einem Weizenfeld bei Biburg auf, um der Menschheit eine Botschaft zu hinterlassen. Ein Jahr ist das nun her, und seit einem Jahr wird gerätselt, was die Schöpfer des achteckigen Sterns innerhalb des Biburger Kornkreises wohl gemeint haben.

Wer sich daran orientiert, was die für den Allinger Ortsteil zuständige Polizeiinspektion Germering vermutet, der muss davon ausgehen, dass es "unbekannte Täter" waren, die am Abend des 15. Juli aus der Deckung des nahe gelegenen Waldes heraus ins Weizenfeld eindrangen und die Halme geometrisch niedertrampelten. Welche Hilfsmittel sie dafür benutzten, ob sie das Muster mithilfe von Satellitennavigationssystemen exakt in den reifen Weizen legten und wie sie wieder verschwanden, ohne weitere Spuren zu hinterlassen, all das hat die Polizei nicht herausgefunden. In Gang gebracht hatte das Ganze der Grundstücksbesitzer, der von seinem Vater - und der wiederum zuvor von einem Nachbarn - am Morgen des 16. Juli über die seltsamen Spuren im Feld informiert worden war. Es folgte eine Anzeige gegen Unbekannt. Tags darauf, am Freitag, ließen die Germeringer Beamten aus einem in anderer Mission über den Landkreis fliegenden Polizeihubschrauber ein paar Bilder schießen, um Beweise für den als Sachbeschädigung geführten Fall zu bekommen. Erst als die Aufnahmen vorlagen und ein Beamter der Germeringer Inspektion die Sensation darauf erkannte, sie in einer Pressemitteilung den Sonntagsdiensten der Redaktionen mundgerecht und mit vielen Detailinformationen präsentierte, wurde aus dem Sachschaden ein mediales Ereignis. Es verlor seine Anziehungskraft erst, als der Weizen gedroschen war.

Rasch verbreitete sich die Meldung über die sozialen Netzwerke und inspirierten neugierige ebenso wie esoterisch veranlagte Menschen, sich Richtung Alling aufzumachen. Auf Youtube erschienen die ersten Filmchen, die dank Drohnentechnologie schöne Bilder lieferten und mit bedeutungsschwerer Musik unterlegt das Außergewöhnliche betonten. Die Kunde von der Landung eines UFOs breitete sich aus und ließ das Telefon der Familie, der das Grundstück gehört, in den folgenden Wochen nicht mehr stillstehen. Die Landwirte hatten vor allem Sorge, dass die im Kornkreis nächtigenden Besucher Müll und Glasflaschen hinterlassen könnten, dass das kurz vor der Ernte stehende Feld womöglich angezündet werden könnte. Doch die zu Dutzenden ankommenden Kornkreis-Fans ließen sich friedlich in dem für sie mysteriösen Gebilde nieder, liefen nur barfuß, um die darin fließende Energie unmittelbar zu spüren.

"Liebesgrüße aus dem All für Mutter Erde" nannte der Münchner Anwalt und Ex-Stadtrat Bernhard Fricke den Kornkreis, in dem er selbst angeblich recht lange meditierte, ehe er an den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer einen Brief mit der dringenden Bitte schrieb, dass der Freistaat eine Task Force für die Ankunft von Außerirdischen benötige. Es sei ein Dokumentationszentrum zur Erforschung außerirdischer Phänomene wichtig. Weil anscheinend jeder an die Staatskanzlei gerichtete Brief beantwortet wird und die Sache Fachverstand erforderte, Bayern aber noch kein Staatsministerium für Extraterrestrik besitzt, wurde ein Forstoberrat mit der Antwort an Fricke beauftragt. Der teilte dem ehemaligen David-gegen-Goliath-Politiker lange nach der Weizenernte zwar mit, dass es sich bei Kornkreisen "durch die sorgfältige geometrische Gestaltung oft um ästhetische ansprechende Kreationen" handle, das Biburger Achteck aber von Menschenhand gemacht sei. Auf eine aufwendige Untersuchung durch den Freistaat könne man verzichten, wird der Beamte in den Medien zitiert.

Die Deutsche Heilerschule aus Seefeld deutet den Acht-Punkte-Stern als einen der "Annunaki", der mesopotamischen Götter der Unterwelt. Also keine friedlichen Geschöpfe, wie Fricke unterstellte, sondern "vampirische Formwandler von ursprünglich reptiloider Gestalt aus dem Sternbild des Drachen", die auf der Erde eine totalitäre Weltordnung errichten wollten. Doch weder ist die Welt seither aus den Angeln gehoben worden, noch hat sich unendliche Weisheit ausgebreitet. Lediglich beim Zwischenfruchtanbau hat die Landwirtsfamilie im Frühjahr leichte Veränderungen festgestellt, die aber davon herrührten, dass durch das niedergetrampelte Getreide an bestimmten Stellen ein höherer Stickstoffeintrag erfolgte. Die für die Gründüngung vorgesehen Pflanzen wuchsen dort, wo sich quasi ein Positiv des Achtecks entwickelte, ein wenig besser. Momentan gedeiht dort nur schnöder Mais. Die Polizei hat sich letztlich auch keinen Reim auf die Botschaft aus dem All machen können und den Fall irgendwann eingestellt.

Aus der Spendenkasse, die die Biburger Familie am Feldrand aufgestellt hatte, konnte sie zumindest den Schaden ausgleichen und "eine höhere Summe" an die Stiftung für Waisenkinder Orphan Aid Africa spenden. Genaue Zahlen gibt es nicht, auch sonst hält sich die Familie nach den Ereignissen des vergangenen Jahres sehr bedeckt und will sich schützen. Die Erfahrungen wolle man nicht noch einmal machen: "Das wünscht man keinem Landwirt."

© SZ vom 16.07.2016
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