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Kommentar:Die Mittelschicht rutscht ab

Der Ballungsraum München ist erbarmungslos geworden. Plötzlich stehen Menschen auf der Straße, weil ihre Löhne selbst für das Leben am Rand der Stadt nicht reichen

Von Peter Bierl

Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um vorauszusagen, dass die Obdachlosigkeit in Puchheim zunehmen wird. Etwa 200 Menschen dürften im vergangenen Jahr akut betroffen gewesen sein. Die Lage ist symptomatisch für den ganzen Ballungsraum von München. Es sind gerade die Normalverdiener aus der Unter- und Mittelschicht, für die es immer schwieriger wird, die hohen Mieten und Nebenkosten im Großraum München zu stemmen. Einerseits ist das Mietniveau hoch, andererseits bedeutet Normalverdienst für viele Lohnabhängige längst einen Niedriglohn, immer öfter einen Hungerlohn. Was heranwächst, ist ein neues verarmtes Proletariat aus Einheimischen und Migranten.

Mietpreisbremse und Mietspiegel helfen ziemlich wenig, sondern regulieren nur eine Misere, deren krassester Ausdruck Obdachlosigkeit ist, aber auch Fälle, in denen Eigentümer ihre Buden vom Keller bis zum Speicher vollstopfen, wie jenes Doppelhaus in Eichenau.

Die Kommunalpolitiker in Puchheim sind guten Willens. Der Bürgermeister lässt Wohnungen und Häuser für Obdachlose anmieten, der Stadtrat hat den Bau von Wohnungen für diese Menschen beschlossen. Die Kommune ringt mit Immobilienkonzernen um die Sanierung maroder Blöcke im Planie-Viertel, hat eine Wohnungsgesellschaft gegründet und für viel Geld 15 von jenen ehemals 120 Wohnungen erworben, die die GBW mit dem Segen der bayerischen CSU-Regierung versilbern durfte.

Der Puchheimer Einsatz ist lobenswert, aber das Ende der Fahnenstange absehbar. Im Altdorf protestierten Bürger gegen weitere Wohnungen für Obdachlose. Städtische Baugrundstücke sind so rar wie Mietobjekte und selbst einer wohlhabenden Kommune wie Puchheim wird irgendwann das Geld ausgehen. Schuld an der Misere sind Bundes- und Landesregierungen sowie Kommunen, die Sozialbindungen auslaufen ließen, den Sozialwohnungsbau eingestellt oder sogar Gebäude verkauft haben und einen Standortwettbewerb entfacht haben, der ganze Regionen entvölkert, während in den Ballungszentren Wohnungsnot und Verkehrschaos wachsen und die Umwelt zubetoniert wird.

© SZ vom 22.03.2017
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