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Jubiläum:Immer noch der pikende Reißnagel

Vor 40 Jahren haben sich die Grünen erst in Gröbenzell, dann im Kreis als Partei gegründet. Aus den Spontis, Fundis und Realos sind Politiker in Bundestag, Landtag und auf kommunaler Ebene geworden, die zwar auch den Konsens kennen, aber immer noch lieber die Mächtigen mit ihrer Kritik zu piesacken verstehen

Von Erich C. Setzwein

Wenn es eine Keimzelle für den Umwelt- und Naturschutz in der praktischen wie in der politischen Arbeit gibt, dann dürfte das die Gemeinde Gröbenzell sein. Dort wurde 1978 die erste Baumschutzverordnung Bayerns erlassen, und dort wurde gerade einmal ein Jahr später, im Juli 1979, ein Ortsverband der Grünen gegründet. Im Sommer vor 40 Jahren war das, als der Kalte Krieg einem neuen Höhepunkt zusteuerte, die SPD mit Helmut Schmidt den Bundeskanzler stellte und Bonn am Rhein noch die Bundeshauptstadt war. Die Umwelt war den jungen Gröbenzellern um Martin Runge wichtig, und auch das Recht, den Kriegsdienst zu verweigern. Denn Krieg hätte 1979 auch von jetzt auf gleich ausbrechen können, seit der Warschauer Pakt neue Atomraketen aufgestellt hatte und das westliche Verteidigungsbündnis Nato mit dem "Doppelbeschluss" und Pershing-II-Raketen mit Nukleargefechtsköpfen stationierte. 40 Jahre später sind aus vielen jungen und recht spontanen und fürchterlich streitbaren Grünen vielfach etablierte Politiker geworden, für die der Kompromiss manchmal erstrebenswerter zu sein scheint, als die Position in der ewigen Opposition. Eine Entwicklung, die heute die Grüne Jugend nur noch in abgeschwächter Form durchlebt, weil Spontis und Fundis und Realos keine innerparteilichen Kämpfe mehr austragen wie früher. Die Jungen feiern an diesem Samstag das Jubiläum mit denen, die sich an die Gründung noch gut erinnern können, in Gröbenzell. Wo könnte es auch anders auch.

In vier Jahrzehnten müssen die Grünen im Landkreis nicht mehr beweisen, dass sie Kommunalpolitik können. Die Stimmung in der Bevölkerung und die Abstimmung bei den jüngsten Wahlen hat sie zur starken Partei werden lassen. Die Grünen stellen mit Beate Walter-Rosenheimer eine Bundestagsabgeordnete, mit Martin Runge und Gabriele Triebel Landtagsabgeordneten aus den beiden Brucker Stimmkreisen und mit Gina Merkl und Jan Halbauer Bezirksräte.

Der Kreisverband wurde in den letzten Tagen des Jahre 1979 gegründet, um mit seinen Delegierten am Gründungsparteitag auf Bundesebene teilnehmen zu können. Vier Ortsverbände wurden aus dem Boden gestampft, nach Gröbenzell organisierten sich die Grünen in Fürstenfeldbruck, Germering und Puchheim. Zu den Germeringer Grünen stieß Beate Walter-Rosenheimer. Sie war seit 2002 im Ortsverband, acht Jahre Kreisvorsitzende und auch Mitglied des Kreistags Fürstenfeldbruck, als sie im Jahr 2012 in den Bundestag einzog. Sie hatte bei der Bundestagswahl 2009 kandidiert, aber den Einzug über die Liste ins Berliner Parlament verpasst. Im Februar 2012 dann schied Christine Scheel, die Finanzexpertin der Fraktion, aus dem Bundestag aus und machte Platz für die Walter-Rosenheimer. 2013 und 2017 bekamen die Grünen so viele Zweitstimmen, dass sie ihren Abgeordnetenplatz behalten konnte. Nachdem sie schon Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestages war, amtiert die 54-Jährige jetzt als Vorsitzende in der Projektgruppe 2 der Enquete Beruflichen Bildung, die sich mit den Auswirkungen der modernen Arbeitswelt befasst.

Mit die Jüngste unter den Grünen-Mandatsträgern ist Gina Merkl. Die 21-Jährige ist voriges Jahr in den Bezirkstag von Oberbayern gewählt worden. "Als Ökokind liegt mir die Natur am Herzen, das ist der Grund, warum ich mich politisch engagiere", sagte Merkl in einem Wahlwerbevideo auf Youtube. Merkl bedient sich der sozialen Medien, die Runge und seinen Mitstreitern aus der Handballmannschaft - den Gründern der Gröbenzeller Grünen - noch nicht zur Verfügung standen. Merkl ist auf Facebook, Twitter und Instagram unterwegs, wie es sich für eine gut vernetzte Jungpolitikerin gehört. Das "Ökokind" ist in Tegernbach aufgewachsen, hat viel beim Opa auf dem Hof gespielt und dort auch viel gelernt. Das Internet war für sie "das Tor zur Welt", und gute Lehrer prägten ihren wachen Geist. 2016 trat sie den Grünen bei, weil sie deren politische Ausrichtung am meisten anzog. Die SPD habe sie nicht angesprochen, die Linke hielt sie für zu opportunistisch. Inzwischen ist Gina Merkl im Kreisvorstand der Grünen und gehört mit Stefan Krebs zu den Sprechern - der Grünen Jugend im Kreis. Demnächst will sie auf der Kreistagsliste der Grünen kandidieren, denn die Kommunalpolitik behandle eben doch "die Dinge, die uns betreffen".

Wie Politik auf anderer Ebene funktioniert, lernt sie seit einem Jahr m Bezirkstag kennen. Da ist sie mit "Wohlfühlthemen" konfrontiert. Viel Zeit werde da für die sozialen Themen aufgewendet, ein Teil für die Kultur in Oberbayern. Sie selbst sitzt mit zwei Kollegen von Grünen, drei von der CSU und jeweils oder zwei anderer Fraktionen in dem 14-köpfigen Kulturausschuss. Seit einem Jahr ist das die praktische Seite der Politik, die theoretische studiert sie nun schon im dritten Semester an der Technischen Universität, wo sie Politische Wissenschaften belegt hat.

Als Gina Merkl 1998 auf die Welt kam, feierten die Grünen im Kreis bereits ihre ersten beiden Jahrzehnte der politischen Arbeit im Kreis. In diesen Dekaden waren der Nato-Doppelbeschluss und die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf wichtig gewesen, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hatte die Welt verändert und den Grünen neue Mitglieder und Wähler beschert. Aber da war auch die Wiedervereinigung, die für die Grünen eine Krise brachte. Die Bundespartei - einer ihrer Gründer hieß Martin Runge - hatte sich mit dem Bündnis 90 aus dem Osten verschwistert. Andere Parteien kamen im wiedervereinigten Deutschland besser an.

Martin Runge war 1998 schon zwei Jahre lang im Landtag, er wurde in den folgenden Jahren zu einem Abgeordneten, der der regierenden CSU mächtig in die Suppe spuckte. Im Untersuchungsausschuss zur Affäre um Gustl Mollath zum Beispiel. Auch im Brucker Kreistag verstand sich Runge und die Fraktion als "Reißnagel, wie sie einmal kundtat. Pieksen bis es wehtut, bis einer merkt, dass es da sieben Grüne gibt, die aufpassen, was die CSU und ihre Unterstützer von den Freien Wählern so machen, das war das Credo vor 20 Jahren schon. Seit 1984 sind die Grünen im Kreistag vertreten, seit 1996 arbeiten sie sich an CSU-Landrat Thomas Karmasin ab, der bekanntlich im März kommenden Jahres sein Amt noch einmal verteidigen will.

Wenn am Samstag in Gröbenzell von der Gründungszeit erzählt werden wird, dann gehören sicher auch die Anekdoten der ersten Treffen in Gröbenzeller Wohnzimmern dazu, in die jeder eingeladen wurde, der dabei sein wollte. Spontan, diskussionsfreudig, unverschämt. Martin Runge hat anscheinend alles aufgehoben, was ihm als wichtig erschien. So auch handgeschriebene Plakate aus den ersten Jahren, als es noch nicht um ein einheitliches Erscheinungsbild ging, der Markenkern einer Partei auch noch gar nicht erkennbar war.

Als "Müslis" und "Ökos", von manchen auch als verkappte Kommunisten verschrien, wurden die Grünen zum Sammelbecken vieler Strömungen aus der alternativen Szene. Gründe genug, sich gegen das Establishment zu wehren, gab es ja genug, die Altparteien sowieso, aber auch die Atomkraft und die Kriegstreiber. Wer bis dahin noch keine Männer strickend gesehen hatte und Mütter, die in aller Öffentlichkeit von Parteitagen ihre Babys an die blanke Brust legten - bei den Grünen gab es das alles.

Es hat fast 40 Jahre gedauert, bis die Grünen so viel Zuspruch von den Wählern erhielten, dass sie für eine langjährig regierende Partei wie die CSU zur schärfsten Konkurrenz wurden. Dass sich dort nun manche das Klimaschutzmäntelchen anziehen, weil es eben chic aussieht und trendy ist, müssten die Grünen mit Sorge sehen.

Im Landkreis sind die Grünen auch deshalb zu einer ernst zu nehmenden Partei aufgestiegen, weil sie nicht die Politik der anderen kopiert haben. Sie besetzen in den Gemeinde- und Stadträten viele Posten, weil sie sich dafür Kompetenz erworben haben. Martin Runge selbst ist in seiner Heimatgemeinde Zweiter Bürgermeister.

Im 40. Jubiläumsjahr wollen die Grünen erreichen, dass es in allen Gemeinden Kandidaten für die Kommunalwahllisten gibt, Ortsverbände werden deshalb gegründet. Die jüngsten sind die Gemeinden, die im Ortsverband Ampermoos zusammengefasst sind, dazu kommt der Ortsverband Türkenfeld-Zankenhausen, und auch in Alling macht sich eine eigene Liste bereit. Waren es vor zehn Jahren noch etwa 200 Mitglieder, so hat der Kreisverband inzwischen mehr als 300.

Es könnten noch mehr sein, aber die Haltung der Grünen zum Kosovo-Krieg 1999 und später zum Einsatz in Afghanistan veranlasste so manchen, von der Partei, die sie als Friedenspartei erlebt hatte, Abschied zu nehmen. Erinnern werden die sich auch an die Zeit, als der Isländerpullover und die Latzhose beliebte Kleidungsstücke der Grünen waren, kommen werden sie am Samstag nach Gröbenzell aber vermutlich nicht.

© SZ vom 02.11.2019
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