Germering:Ungewöhnliche Formate

Constanze Wagner hatte den Kunstkreis Germering gegründet und bis zuletzt inspiriert. Ihre letzte gemeinsame Projektarbeit präsentieren die Mitglieder jetzt, drei Monate nach ihrem Tod

Von Johanna Haas, Germering

"Sie hat nichts beschönigt - wenn ein Kunstwerk scheiße war, dann war es scheiße." Kunstkreis-Mitglied Lutz Walczok erinnert sich gerne an die ehrlichen Worte und die künstlerische Kompetenz der im Juli dieses Jahres verstorbenen Leiterin Constanze Wagner. Sie war es, die 1984 den Germeringer Kunstkreis gegründet und ihre Teilnehmer bis zuletzt inspiriert, gefördert und gefordert hat. Die aktuelle Ausstellung des Kunstkreises in der Germeringer Stadthalle "Das ungewöhnliche Format", präsentiert deshalb nicht nur die letzte gemeinsame Projektarbeit Wagners mit ihren elf Künstlern - sie ist auch eine Möglichkeit, sich zu erinnern. Sich zu erinnern an die Künstlerin, die das kulturelle Leben in Germering in den letzten Jahrzehnten so stark geprägt hat.

Zwei Jahre lang habe sich die Gruppe dem neuen Projekt angenähert. Wagner habe einen Themenpool mitgebracht, aus dem die Künstler wählen konnten. "Das außergewöhnliche Format" sei dann das Ursprungsthema gewesen. "Aber außergewöhnlich, das sind die Formen nicht. Ungewöhnlich, das sind sie. Also wurde das Thema noch einmal geändert", erzählt Lutz Walczok. Zusammen hätten sie dann recherchiert, Bücher gelesen, Filme geschaut und Ausstellungen besucht. "Wagner hat uns eine ganz besondere Form der Annäherung an ein neues Thema beigebracht. Wir sind so etwas immer als Gruppe angegangen. So konnten wir völlig eintauchen", ergänzt der Künstler.

Das Eintauchen sei ihm auch diesmal wieder gelungen. Gerade bei seinem Kunstwerk "Beziehungsvisor" habe er eng mit Wagner zusammengearbeitet. Seine Interpretation war der Supervisor. Die Person, die eine Richtung vorgibt und die Kontrolle hat. "Ich glaube, gerade währen der Pandemie hätten sich viele gewünscht, jemanden zu haben, der die Richtung vorgibt", betont der Kunstschaffende. Besonders Beziehungen seien auf die Probe gestellt worden. Man hätte die Chance gehabt, stärker aus der Krise hervorzugehen. Jedoch seien viele Beziehungen daran gescheitert. "Vielleicht hätten sie einen Beziehungsvisor gebraucht", sagt Walczok. Zu sehen sind Teile von bunt angemalten Kunststoffplatten in grün, gelb, und rot. Sie sind an einem schwarzen Stab angebracht und formen durch ihre Anordnung ein Gesicht. Auch blaue Augen sind in diesem abstrakten Kunstwerk zu erkennen. "Besonders der Gesichtsausdruck war mir wichtig. Was will es mir sagen?", erklärt Walczok. Jedoch gebe es nicht die eine richtige Antwort. Vielmehr ist es dem Künstler wichtig, dem Betrachter die Möglichkeit einer ganz eigenen Interpretation und Meinung zu geben. "Vielleicht denken die auch, das ist Käse, aber dann ist es so. Hauptsache, es macht was mit ihnen", erklärt er.

Eine weitere ungewöhnliche Form bietet Künstler Peter Hill. Seine drei Rollup-Banner spiegeln nicht nur Hills Vorstellungen des "written word" wieder, nämlich Bücher, Zeitungen und Magazine - sie sind auch eine Hommage an die drei Formen der Kunst: statische, rhythmische und dynamische Kunst. Auf dem ersten Banner: mit Acryl gemalte Bücher. Sie sind ganz gerade, ordentlich und flach aufeinander gestapelt - statisch also. Auf dem zweiten Banner: rhythmisch geschwungene Zeitungen, die zwar auch aufeinander liegen, dabei laut Hill aber eher "an einen Tanz erinnern." Das letzte Banner zeigt wild aufeinander liegende Magazine - ein dynamisches Durcheinander. "Dafür habe ich ganz viele Pulp-Fiction-Magazine besorgt, die meine Frau dann einfach alle auf den Boden warf. Und so habe ich sie dann auch gemalt", erklärt Hill.

Zwar hatten alle elf Künstler dasselbe Thema, trotzdem haben sie es alle auf so unterschiedliche Weise interpretiert, in ungewöhnliche Formen gepackt und mit ihrer eigenen Handschrift versehen. Grundschullehrerin Christine Schmitt konzentrierte sich beispielsweise auf kleine Papier-Schachteln, die sie in unterschiedlichen Abständen auf weißen Leinwänden anbrachte und Petra Martin stellt ihre bunten Kunstwerke aus Holz vor.

"Wäre die Kunst nicht gut, würde sie nicht hier hängen. Constanze war nie zufrieden, wenn sie nur in Ordnung war", erinnert sich Hill. Dass Wagner nun nicht mehr da ist, habe die Gruppe noch nicht verarbeitet. Umso wichtiger sei ihnen diese letzte gemeinsame Ausstellung, bevor sie ohne Wagner weiter machen müssen. "Ich werde Constanze immer in meinem Herzen behalten und wenn wir mal was machen, was ihr nicht passt, dann werden wir es schon merken - dann lässt sie es regnen", sagt Walczok und lächelt.

"Das ungewöhnliche Format", Stadthalle Germering, zu sehen bis Montag, 25. Oktober. Geöffnet täglich von 16 Uhr bis 20 Uhr. Weitere Infos unter www.vhs-germering.de.

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