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Germering:Staffellauf der Gläubigen

"Beten ohne Unterlass": Am Freitagabend hält Mesner Joseph Carl Schneider die Andacht in der Kirche Sankt Jakob.

(Foto: Günther Reger)

In der Stadtkirche lösen sich Besucher bei einem 24 Stunden dauernden Gebet gegenseitig ab

Von Elisabeth Deml, Germering

"Es geht darum zu spüren, dass mehr zwischen Himmel und Erde ist", erklärt Andreas Christian Jaster, Pfarrer der Stadtkirche in Germering. Am Freitag und Samstag haben Gläubige in der Filialkirche Sankt Jakob in Unterpfaffenhofen an einem 24 Stunden dauernden Gebet teilgenommen.

Die hell erleuchteten Fensterscheiben der Sankt-Jakob-Kirche lassen sich bei einsetzender Dämmerung bereits aus einiger Entfernung erkennen. Leise klassische Musik sowie flackernde Kerzen erzeugen in der Kirche an diesem Abend eine mystische Atmosphäre. Die Betenden sitzen oder knien mit ausreichendem Abstand, die Augen entweder geschlossen oder auf den prächtigen und goldverzierten Tabernakel gerichtet, der einen hellen Schein auf das dahinterstehende Gemälde wirft. Die Atmosphäre ist sehr andächtig und besinnlich, ein jeder verweilt in seinen eigenen Gedanken und Gebeten.

"Am Jahresanfang ist es schön, innezuhalten und sich für das kommende Jahr auszurichten", erklärt der 53 Jahre alte Georg Zeißerer. So ergebe sich die Möglichkeit, die kommende Zeit in eine gute Richtung zu lenken und seine Schwierigkeiten vor Gott zu bringen.

Unter dem Überbegriff "In deiner Gegenwart" suchen die Menschen die Begegnung mit Gott. "Wir nehmen uns als Gemeinde Zeit, bei Jesus zu verweilen und wollen das Geschenk seiner Gegenwart feiern", sagt Pfarrer Jaster und fügt hinzu: "Es gibt eine Verbindung, die über das Sichtbare hinausgeht. Es geht um die Kraft des Gebets und die eigene Kraft aus der Liebe Gottes." Laut Jaster stellt das erstmals vor einem halben Jahr initiierte Projekt einen starken Gegensatz zu dem heutigen Erfolgsstreben und der immerwährenden Hektik dieser Zeiten dar.

Während des 24 Stunden andauernden Gebets gibt es einen festen Kern, bestehend aus zehn Personen. Diese übernehmen abwechselnd die Verantwortung, damit sich stets ein Betender in der Kirche befindet - nach der Ausgangssperre beten diese von zu Hause aus. "Entscheidend ist nicht die Zahl der Besucher. Im Vordergrund steht der Gedanke, dass andere, auch mal zwei oder drei, stellvertretend füreinander beten. Das ist gerade für ältere Menschen tröstlich, die selbst nicht kommen können", so Jaster. Er legt Wert auf das Motto "Einer für alle, alle für einen." Die Stille wird gelegentlich von Musikstücken oder vorgelesenen Texten abgelöst, ansonsten sinniert ein jeder über seine Gedanken. "Die Betenden geben das eigene Wollen und Machen aus ihrer Hand und geben Gott in dieser Zeit Raum. Es geht darum den Herrn einfach machen zu lassen", erläutert Jaster.

Die Musikstücke erleichtern den Gedankenfluss, bei eintretender Stille werden die Besucher unruhiger. Somit bleibt Zeit, die Kirche genauer in Augenschein zu nehmen. Das gesamte Kirchenschiff ist in warmes Licht getaucht. Eine kleine Krippe, einzelne aufgehängte Tannenzweige, Weihnachtssterne sowie zwei hell leuchtende Weihnachtsbäume sorgen für eine festliche und behagliche Stimmung, die nur durch das Eintreten weiterer Besucher unterbrochen wird, die sich leise auf den Sitzbänken einreihen. Gegen 18 Uhr weist der Pfarrer die Besucher darauf hin, dass die Ausgangssperre zu berücksichtigen ist. Die Kirche kann erst am folgenden Tag von 6 Uhr an wieder betreten werden.

Das Projekt findet alle zwei Monate jeweils am zweiten Wochenende statt, beginnend am Freitag um 16 Uhr. Pfarrer Jaster äußerste sich sehr zufrieden über den diesjährigen Auftakt: "Für gläubige Menschen ist das Gebet eine unschätzbare Kraftquelle, das Wichtigste und Sinnvollste überhaupt."

© SZ vom 13.01.2021
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