bedeckt München 10°

Germering:Kinder und Eltern ergreifen das Wort

GERMERING: Kundgebung für die Öffnungen der Bildungseinrichtungen

"Ich will im Kiga spielen - ich will in die Schule": Zwei Geschwister demonstrieren gemeinsam mit ihrer Mutter auf dem Marktplatz in Germering - mit Mund-Nasenschutz und ausreichend Sicherheitsabstand zu Gleichgesinnten.

(Foto: Leonhard Simon)

Bei einer Demonstration auf dem Marktplatz machen Familien sehr deutlich auf ihre Notlage in Pandemiezeiten aufmerksam. Weil sie das Grundrecht auf Bildung in Gefahr sehen, fordern sie eine schnelle Öffnung von Kitas und Schulen

Von Karl-Wilhelm Götte, Germering

Auf dem Marktplatz vor der Germeringer Stadtbibliothek empfängt die Besucher ein Transparent mit der Parole "Kinder haben ein Recht auf Bildung". Wenige Meter weiter haben sich Eltern und Kinder am Sonntagnachmittag versammelt, die "auch in der Pandemie adäquate Bildung" fordern, wie es Heike Maudrich, die Organisatorin des Protestes, formuliert. Etwa 20 Erwachsene und zehn Kinder nehmen an der Kundgebung teil. Kinder halten selbst gemalte Schilder in den Händen mit Aufschriften wie "Ich will in die Schule", "Schule ist wichtig", "1,2,3 die Schule war vorbei", oder "Ich vermisse die Schule", als Maudrich mit einem kleinen Megafon die Versammlung eröffnet.

"Ich möchte meinem Sohn eine Stimme geben", beginnt sie ihre Rede. Sie beklagt die verschärfte Notbremse für die Schulen in Bayern. "Es ist strenger in Bayern als in NRW", sagt sie und kritisiert, dass die Staatsregierung vergangene Woche Lockerungen beschlossen hat, "aber nicht für die Bildung." Mit Bildung meint Maudrich Kindereinrichtungen von der Krippe und Kindergarten bis zur Schule. Ihr achtjähriger Sohn Liam geht in die zweite Klasse der Grundschule. Der gleichaltrige Maximo ist ein Klassenkamerad von Liam, beide gehen in die Kleinfeld-Grundschule. Maximos Mutter Sarah Uebigau hat sich für die Kundgebung zwei große Schilder umgehängt. Auf einem steht: "Schule jetzt öffnen". "Ja, das meine ich genau so", bekräftigt Uebigau. Sie rechnet vor, dass ihr Sohn in der ersten Klasse ein halbes Jahr nicht in der Schule gewesen und in der zweiten Klasse bis auf einen Monat Wechselunterricht wieder seit vier Monaten zuhause ist. Papa, Mutter und Opa müssen die Lehrerin ersetzen. Die Lust von Maximo, mit den Ersatzlehrern zu lernen, ist sehr begrenzt. "Das ist jeden Tag ein Kampf, man muss ständig dabeibleiben", sagt die Mutter. Eine Stunde täglich lernt der Opa in Dresden per Skype mit dem Sohn. Sarah Uebigau hat oft Mühe, neben dem Homeschooling ihre hauptberufliche Arbeit im Homeoffice zu erledigen.

"Die seelische Gesundheit der Kinder liegt mir am Herzen", hat Maudrich unter dem Beifall der Versammlung zuvor erklärt und ausführlich beschrieben, was die Kinder ohne Schule alles vermissen, als ein Kindergarten-Kind sein Schild "Ich will im Kindergarten spielen" hochhält. Dann fordert Maudrich von der Staatsregierung nach dem 9. Mai, wenn neue Maßnahmen beschlossen werden, "eine durchdachte und verlässliche Öffnungsstrategie für Krippe, Kindergarten und Schule". Sie verlangt zudem, "dass man genau hinschaut, wo die Kinder am Ende des Schuljahres stehen und dann passende Maßnahmen getroffen werden". Das heißt, das Bayerische Kultusministerium soll zum Beispiel bei Versetzungsproblemen berücksichtigen, dass die Kinder in zwei Jahren nur wenige Monate in der Schule gewesen sind. "Wir brauchen Entscheidungen mit Augenmaß", fordert Maudrich. "Kinder", ruft sie abschließend den Kleinen auf dem Platz zu, "ihr könnt stolz sein, ihr macht das ganz hervorragend". Stolz ist auch Liam auf seine Mutter, als er sich noch kurz das Megafon nimmt und die Initiative seiner Mama lobt.

© SZ vom 04.05.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema