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Emmering:Senioren kündigen Widerstand an

Rolf Henkel (mit Maske, links) vom Angehörigenbeirat bespricht sich mit Maisachs Bürgermeister Hans Seidl.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Gegen die aktuellen Preiserhöhungen des Betreibers Senivita wollen sich Angehörige und Heimbewohner aus Maisach, Gernlinden und Emmering wehren. Bei einer Versammlung wird zudem Kritik laut am Umgang mit Mietern und Personal

Von Erich C. Setzwein, Emmering

Angehörige und Bewohner der Altenpflegeeinrichtungen von Senivita in Emmering, Maisach und Gernlinden wollen die ihnen jüngst angekündigten Preissteigerungen nicht hinnehmen und sich, wenn nötig, auch juristisch dagegen wehren. Bei einer Versammlung stimmten sich mehr als 40 Teilnehmer ab und wollen nun gegen die Erhöhungen von Zusatzleistungen zur Miete im betreuten Wohnen Widerspruch einlegen. Etliche Anwesende zeigten ihre Bereitschaft, in einem weiteren Schritt gemeinsam einen Fachanwalt einzuschalten. Beklagt wurde in Anwesenheit eines Teams des Bayerischen Fernsehens vor allem der schlechte Stil und die Art und Weise, wie die Betreiberfirma mit den Bewohnern und dem Personal umgehe.

Es sollte eine kleine Runde werden, wie üblich, wenn sich der Angehörigenbeirat des Elvivionhauses an der Estinger Straße in Emmering trifft. Elvivion ist der Markenname für die Häuser der Senivita Social Estate AG, die vor sieben Jahren ihr erstes Projekt in Maisach verwirklichen konnte und seit fünf Jahren das Haus in Emmering betreibt. Fast so lange lebt auch die mittlerweile 96 Jahre alte Tante von Rolf Henkel dort, und Henkel war als Mitglied des Angehörigenbeirats doch einigermaßen überrascht über die große Zahl der Angehörigen wie auch über das mediale Interesse. So musste er kurzerhand das Treffen, zu dem er vielleicht vier Leute erwartet hätte, in den Saal des angrenzenden Bürgerhauses verlegen. Unkompliziert und rasch machte das Maisachs Bürgermeister Hans Seidl (CSU) möglich, denn so kurzfristig war keine Genehmigung von Emmerings Bürgermeister Stefan Floerecke (CSU) zu bekommen. "Das nehme ich auf meine Kappe", sagte Seidl und kümmerte sich im Saal darum, dass alle Anwesenden die vorgeschriebenen Abstände zueinander einhielten und auch, dass alle bei der Hitze ein Getränk bekamen. Seidl war nicht allein gekommen, auch Sozial- und Seniorenreferentin Silvia Heitmeir (CSU) sowie der Referent für Aktiv 60 plus, Hartmut Hombach (Grüne), wollten aus erster Hand die aktuellen Sorgen der Senivita-Kunden hören. Denn dass es auch in den vergangenen Jahren immer wieder zu dem einen oder anderen Ärgernis gekommen ist, das sei bekannt gewesen, sagte Heitmeir vor Beginn der Veranstaltung. Durch die Corona-Krise, die fast völlige Abschottung der Bewohner in den Heimen und überraschende Personalentscheidungen sowie nicht zuletzt über die Erhöhung von Zusatzleistungen wie Wohnungsreinigung, Wäschedienst und Essensversorgung hatte sich einiges bei Bewohnern wie Angehörigen angestaut. Vor allem über den Betrag von 480 Euro für die nächtliche "Sicherheitspauschale" regten sich die Anwesenden auf. Einige vermuteten, dass die angeblich in Finanzschwierigkeiten steckende Betreiberfirma aus Bayreuth sich das nötige Geld nun von den Bewohnern ihrer Elvivion-Häuser holen wolle. Angehörige wie Natalie Dillitzer aus Fürstenfeldbruck sprach von einer 30-prozentigen Erhöhung der monatlichen Kosten, die sie nicht hinnehmen wolle. Ihre Eltern, der 92-jährige Vater und die 86-jährige Mutter, leben in Maisach. Dillitzer forderte nicht nur, dass die Erhöhungen angemessen sein sollten, sondern auch eine detaillierte Kostenaufstellung.

Weil die 125 Wohnungen in den drei Häusern unterschiedlich groß sind, weil Zusatzleistungen unterschiedlich gebucht werden, sei es schwierig, die Berechnungen aufzuzeigen, sagte Senivita-Sprecher Frank Elsner auf Anfrage. Als Beispiel nannte er eine 35 Quadratmeter große Wohnung, in der ein Pflegebedürftiger lebt. Zusammen mit der neuen Nachtpauschale von 480 Euro und dem Eigenanteil der Tagespflege errechnete Elsner einen Gesamtbetrag zwischen 2400 und 2800 Euro. Damit würden die Häuser wirtschaftlich betrieben werden können, was bisher nicht der Fall gewesen sei. Durch die "notwendigen Preissteigerungen" erreiche man das in Oberbayern übliche Niveau der Pflegeeinrichtungen. Elsner wollte den Bewohnern eine Sorge nehmen, als er sagte: "Es wird niemanden gekündigt, wenn er diese Lösung nicht will."

© SZ vom 11.07.2020

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