Eindrückliche Vorstellung Bilderbuch der Freiheit

Tief traurig sind die Szenen, in denen Bedřich Fritta (Alexander Baginski) seinem Sohn Tommy von der Welt außerhalb des Lagers erzählt. In dem Einmann-Stück schlüpft der Schauspieler in verschiedene Rollen, für die anderen Figuren verwendet er Puppen.

(Foto: Voxbrunner Carmen)

Der Schauspieler Alexander Baginski erzählt vor Jugendlichen einer Brucker Realschule die Geschichte des jüdischen KZ-Häftlings Bedřich Fritta. Er schrieb in Theresienstadt für seinen dreijährigen Sohn Geschichten von der Welt draußen auf

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Es ist ein eindringlicher Appell, mit dem Alexander Baginski seinen Auftritt beendet - als Mensch und nicht mehr in einer Rolle. "Die Freiheit, die wir hier alle haben, ist nichts Selbstverständliches und es gibt sie nicht umsonst. Man muss dafür eintreten und Zivilcourage zeigen", sagt er. Vor ihm sitzen die Schüler der neunten Klassen der Brucker Ferdinand-von-Miller-Realschule. Gut eine Stunde haben sie in der Aumühle konzentriert und aufmerksam verfolgt, wie Baginski auf der Bühne die Geschichte von Bedřich Fritta erzählt und gespielt hat - einem jüdischen Maler, der in Theresienstadt eingesperrt war und von dort nach Auschwitz deportiert wurde, wo er kurz nach der Ankunft starb.

Baginski schlüpft in dem Einmannstück mit dem Titel "Wenn Du einmal groß bist" abwechselnd in die Rolle Frittas und eines SS-Offiziers. Das Stück, ein Gastspiel des Münchner Pantaleon-Theaters, verbindet zwei Handlungsstränge. Zum einen die echten Verhöre Frittas durch die SS. Er wurde verdächtigt, für Gemälde verantwortlich zu sein, die aus Theresienstadt geschmuggelt wurden und die die grausamen Zustände in dem Lager zeigen. In diesem Szenen spielt Baginski den Offizier, Fritta stellt er mit einer Puppe dar.

Der zweite, fiktive Handlungsstrang zeigt den Maler, wie er seinem dreijährigen Sohn Tommy Geschichten erzählt. Sehr berührend ist, dass Fritta die Geschichten wirklich erzählt hat - in einem Bilderbuch, das er für seinen Sohn gemalt hat und das er versteckte, als die Nazis begannen ihn zu verdächtigen. Wie durch ein Wunder wurde es tatsächlich nicht gefunden. Erst nach dem Ende der Nazi-Herrschaft holte ein Freund Frittas das Buch aus dem Versteck und veröffentlichte es.

Baginski erweckt die Bildergeschichten zum Leben. Sie erzählen vom schönen Leben jenseits der Mauern. Begeistert hört der kleine Tommy, ebenfalls in Form einer Puppe, seinem Vater zu, wenn er von den Völkern erzählt, den tapferen Indianern etwa oder den fleißigen Chinesen, oder von den vielen Märkten, die es da draußen gibt, von dem guten Essen, fremden Ländern und Städten und den vielen Berufen, die der Junge mal ergreifen könnte.

Während Baginski all diese Geschichten erzählt, werden die Originalbilder aus dem Buch auf die Wand projiziert. Es sind naive und einfache Zeichnungen, bunt und fröhlich. Der Kontrast zu den von Fritta tatsächlich nach draußen geschmuggelten Bildern über das Leben in Theresienstadt könnte nicht brutaler sein. Einen Eindruck davon bekommen die Schüler auch - das Bühnenbild zeigt eines der Werke im Großformat.

Traurig wird es, wenn Tommy davon spricht, was er gemeinsam mit seinen Eltern erleben will und Vater Fritta versucht seine tiefe Trauer zu verbergen - denn er weiß, dass, wenn überhaupt, nur Tommy die Gräuel überleben und ein neues Leben beginnen wird. Die Musik von Maria Dafka verstärkt die bedrückende Stimmung. Immer wieder spielt sie kleine Melodien auf ihrem Akkordeon und singt dazu. Den Abend eröffnet sie mit einer Vertonung des "Als-Ob" Gedichtes, das von dem bekanntem Kabarettisten Leo Straus in Theresienstadt verfasst worden ist und die Situation in dem Lager darstellt.

Beklemmend die Szenen, in denen Baginski als SS-Offizier auftritt. Schon die Uniform löst Unbehagen aus. Wenn er altväterlich-gönnerhaft mit der Fritta-Puppe spricht, sich von ihm "Judenwitze" erzählen lässt, ist das streckenweise schwer erträglich.

Die Schüler zeigen sich von der Aufführung beeindruckt. Fragen hat nach dem finalen Freiheits- und Zivilcourage-Appell von Baginski zwar keiner von ihnen - aber nicht aus Desinteresse. Sondern weil das gerade Gesehene und Gehörte ihnen schon mehr als genug Ansätze zum Nachdenken geliefert hat.