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Brucker Autor:Von Mammeldorf bis Bürstenfeldmuck

Kornkreis

Der Mammendorfer Kornkreis aus dem Jahr 2016 spielt in einer der Geschichten eine wichtige Rolle, auch wenn sie im fiktiven "Mammeldorf" spielt. Mit dabei sind außerdem noch einige gestohlene Dixi-Klos.

(Foto: Günther Reger)

In seinem lesenswerten Buch "Heimatlauschen" erzählt Manfred Fock skurrile Geschichten aus dem Alltag in der Provinz. Die Protagonisten sind zumeist Verlierer im Spiel des Lebens, die sich danach sehnen, auch einmal Gewinner zu sein

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

"Heimat" ist ein Begriff, der polarisiert. Die einen wollen sie gegen unzählige angebliche Feinde von Innen und Außen verteidigen, oft ohne überhaupt genau sagen zu können, was sie unter Heimat eigentlich verstehen. Die anderen verknüpfen damit Engstirnigkeit und nationalistische Tendenzen, zumindest aber ein überkommenes, kleinbürgerliches Weltbild. Und da, wo die kleinbürgerliche Spießigkeit ist, da ist einer oft nicht weit: der Brucker Autor Manfred Fock. Mit seinem aktuellen Buch "Heimatlauschen" begibt er sich wieder in die Tiefen der Provinz, um mit skurrilen kleinen Geschichten die Reihen- und Einfamilienhaus-Fassaden zwar nicht einzureißen, aber doch mal liebevoll, mal bissig, zu beschmieren. Ganz so wie er es bereits in seiner Gartenzwerg-Trilogie so meisterlich getan hat. Als Unterstützer hat sich Fock den Zeichner Fred Rauch dazu geholt, der jede Geschichte mit einer kleinen Zeichnung illustriert.

Und Fock macht vor nichts Halt: Nicht vor dem geschäftstüchtigen Bauern, bräsigen Provinzpolizisten oder der erleichterten Witwe. Seine Geschichten könnten überall auf dem bayerischen Land spielen, doch Fock macht sich einen Spaß daraus, reale Kommunen im Landkreis zu persiflieren: Bürstenfeldmuck, Wadelshofen, Mammeldorf. Dort spielt die Geschichte des Bauern, der auf seinem Feld plötzlich einen Kornkreis findet. Alles erinnert freilich deutlich an die Geschichte des echten Kornkreises in Mammendorf im Juli 2016, bis hin zu Details wie der Hebebühne, die der Landwirt dort hat aufstellen lassen und mit der die Besucher, gegen einen angemessenen Obolus natürlich, das ganze Werk von oben betrachten konnten. Aber Fock geht es nicht um die Kornkreis-Geschichte, sondern um einen Kriminalfall, den er darum strickt: Vor Jahren wurden mehrere Dixi-Klos geklaut und ausgerechnet jetzt tauchen sie wieder auf.

Aber die 13 Texte sind eben nicht nur skurrile Blödeleien, sondern haben immer auch eine berührende Ebene. Die Protagonisten sind meist eher Verlierer im Spiel des Lebens, die sich danach sehnen, auch mal auf der Sonnenseite zu stehen. So wie der alternde Hochstapler, der sich als Adliger ausgibt, sich in eine aufreizende junge Friseurin, eine typische Dorfschönheit mit zu kurzem Rock, verliebt, sie bezahlt, damit sie ihm zuhört und dann, als sie bereit ist, sich ihm körperlich hinzugeben, kneift. Stattdessen beschwert er sich bei ihr darüber, dass seine Leserbriefe nie in der Zeitung abgedruckt werden, obwohl er doch seit Jahrzehnten Abonnent ist und soviel zu sagen hat. Oder das Paar, das sich im Altenheim kennen lernt und in Bonnie-und-Clyde-Manier im geklauten Leichenwagen noch einmal richtig aufblüht.

Im Vorwort zitiert Fock Loriot, in den Texten taucht Wilhelm Busch auf. Und tatsächlich bewegen sich seine Geschichten irgendwo zwischen den beiden. Er ist ein kluger Beobachter seiner Mitmenschen, beschäftigt sich mit aktuellen Themen, etwa wenn er eine Drohne Unruhe ins "kleinbürgerliche Landlust-Eldorado" bringen lässt. Die kritischen Töne, die er damit anschlägt, sind stets so laut, dass sie nie von den lustigen übertönt werden. Vielmehr schafft er es gekonnt, alles zu einer eingängigen Melodie zu verweben.

"Heimatlauschen" lässt sich aber auch durchaus als politisches Buch lesen. Es zeigt die Absurdität, Heimat definieren zu wollen, weil sie etwas rein Subjektives ist. Und somit nichts, was eine Gruppe gegen eine andere irgendwie verteidigen könnte. Die Heimaten, die Fock zeichnet, sind bunt und alles andere als perfekt, aber trotz aller Absurdität authentisch und auf ihre Art liebens- und vielleicht sogar erhaltenswert.

Heimatlauschen, Manfred Fock, Fangorn Verlag 2018, 160 Seiten, 9,80 Euro

© SZ vom 06.10.2018
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