Bäcker Ausstieg wegen Amazon

Die Interessen der Bäcker vertreten (von links) Obermeister Werner Nau, die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Jutta Sellin, Naus Stellvertreter Ulrich Drexler und Ex-Kreishandwerksmeister Franz Höfelsauer.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Max Wimmer verlässt Brucker Land. Seiner Meinung nach hat sich die Solidargemeinschaft von dem Gedanken der Regionalität entfernt, weil sie mit dem Internethändler kooperiert

Von Erich C. Setzwein, Fürstenfeldbruck

Wie weit darf Regionalität gehen, wann ist der Gedanke von fairem Handel und Nachhaltigkeit nichts mehr als ein bloßes Verkaufsargument? Diese Fragen hat sich der Fürstenfeldbrucker Bäckermeister Max Wimmer gestellt und ist zu der einzigen Antwort gekommen. "Ich will kein Kunde von Unser Land mehr sein." Wimmer, dessen Bäckerei das gesamte Sortiment an Backwaren mit Brucker-Land-Mehl herstellt, wird den Mehlliefervertrag im Juli dieses Jahres auslaufen lassen. Nicht der Preis oder die Konditionen für den Vertrag hätten eine Rolle für seine Entscheidung gespielt, sagte Wimmer der SZ, sondern er sei "seit Längerem unzufrieden über die neue Ausrichtung von Brucker Land". Für Wimmer passt es nicht zusammen, dass die Brucker-Land-Produkte nun auch bei Amazon vertrieben werden.

Wimmers Schritt hat die Unser Land GmbH mit Sitz an der Schlossstraße im Olchinger Stadtteil Esting zur Suche nach einem neuen Abnehmer für 180 Tonnen Mehl pro Jahr gezwungen. Diese Menge ist laut Isabella Maria Weiss mehr als die Hälfte der Jahresmenge, die die Mühlen aus dem Getreide der Vertragsbauern mahlen. Insgesamt verwenden 35 Bäcker das unter dem Solidargedanken hergestellte Mehl, das von fünf Mühlen geliefert wird. Das gesamte Brot- und Getreideprogramm habe nicht mehr aufrechterhalten können, nannte Weiss als Konsequenz. Im Gebiet der Brucker Bäcker-Innung sind es von den 15 noch selbst backenden Betrieben zehn, künftig also nur noch neun, die Brucker-Land-Mehl verarbeiten. Doch die meist kleineren Betriebe verbrauchen eben auch nicht so viel und können auch bei einer noch größeren Produktion kaum die Menge auffangen, die durch den Abschied Wimmers nun frei wird.

Die jährliche Abnahmemenge wurde im Netzwerk jährlich festgelegt. Die Vertragsbauern bauen nur so viel Getreide an, wie Bäcker im Voraus bestellen und die Mühlen für den Lebensmitteleinzelhandel kalkulieren. Denn wer Brote wie die Brucker-Land-Bäcker daheim backen will, bekommt die Mehle auch im Supermarkt. Und eben bei Amazon. Dass nicht nur Max Wimmer mit dieser Verkaufsstrategie nicht einverstanden ist, zeigte die mehr als skeptische Reaktion in der Innung. Selbst Isabella Maria Weiss von Unser Land konnte den Bäckern nicht sagen, wie sich die neue Ausrichtung insgesamt auswirken werde. Anscheinend denkt man bei Unser Land aber schon in größeren Zusammenhängen. "Je kleinteiliger es wird, desto schwieriger wird es", sagte Weiss. Denn neben dem Brot, das erste Produkt von Brucker Land überhaupt, bietet das Netzwerk inzwischen eine große Vielfalt an verarbeiteten Lebensmitteln an. Vom Fruchtaufstrich über saure Gurken bis hin zu Wurst im Glas reicht das Sortiment. Beim Mehl zumindest hat Weiss nun einen Abnehmer gefunden, der noch dazu neue Vertriebswege erschließe.

Deswegen sprechen die Innungsbäcker nun vom Rewe-Brot, und bald werde es auch ein Edeka-Brot geben, fügte Weiss an. Die Garchinger Bäckerei von Ludwig Riedmair - mit 16 Filialen kein kleiner Betriebe und Mitglied bei Münchner Land - habe das frei gewordene Kontingent übernommen und backe nun mit dem Unser-Land-Mehl drei Sorten für den Handelskonzern. Bei Edeka sollen vom 16. April an drei Bio-Brote aus Unser-Land-Mehl angeboten werden. Die Bäcker im Landkreis haben davon überhaupt nichts, denn um die Märkte der Ketten zu beliefern, müssten sie ihre Backöfen sehr viel früher anheizen als sonst. Rewe, so Weiss, bestelle um 16 Uhr für den nächsten Tag, die Brote müssten aber nicht am Morgen angeliefert werden, sondern bis 22 Uhr gebacken sein. Dann würden sie, quasi ofenheiß, von einer auf die Weiterverarbeitung spezialisierten Spedition abgeholt, in deren Räumen abgekühlt, portioniert und in die jeweiligen Verkaufstüten verpackt, ehe sie in die Filialen gefahren würden. Doch das Unser-Land-Brot kommt laut Weiss bei den Kunden noch gar nicht gut an. Von den 900 bis 1000 Broten, die Rewe täglich bestelle - Steinofen-, Sonnenblumen- sowie Vollkornbrot - würden im Schnitt nur 350 bis 500 Brote verkauft. Der Versuch, das Brot über den Lebensmitteleinzelhandel zu vertreiben, laufe bis Ende des Jahres, so Weiss.

Die Brucker Innungsbäcker forderte deren Obermeister Werner Nau auf, mehr für sich zu werben und möglichst mehr Sorten anzubieten, die mit Unser-Land-Mehl gebacken werden. Dass der Ausstieg von Wimmer Folgen für die Bäcker haben könnte, glaubt Nau nicht: "Hauptsache, die Mehlabnahme ist gesichert." Derweil macht sich Max Wimmer schon Gedanken, wo das Unser-Land-Mehl herkommt, mit dem die Brote für die Konzern-Filialen gebacken werden, denn sein Vertrag laufe ja noch bis Juli. So lange werden die anderen Produkte von Unser Land, wie etwa die Nudeln oder Honig, nicht mehr in den Filialen stehen, so Wimmer: "Wir sind gerade dabei auszuräumen und werden das Sortiment ersetzen."