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Aufklärung:Immun gegen Argumente

Im Gespräch mit Tobias Haberl (links) berichtet Felix Benneckenstein im Carl-Spitzweg-Gymnasium über die Anwerbemethoden der Nazis.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Der Aussteiger Felix Benneckenstein erzählt am Carl-Spitzweg-Gymnasium, wie er in die Nazi-Szene geriet

Aufklärung ist wichtig. Einem rassistischen Schreihals muss man in der Öffentlichkeit widersprechen, nicht weil man so eine Dumpfbacke überzeugen könnte, sondern wegen der anderen, die zuhören. Aber wer in die Naziszene abgleitet, den erreiche man mit Argumenten nicht mehr, allenfalls könne man solche Leute auffordern, kurz innezuhalten, sagt Felix Benneckenstein, der es wissen muss. Der 31-Jährige hat eine lange Karriere als Nazi hinter sich, zog als rechter Barde unter dem Namen Flex durch die Lande, saß im Knast und ist heute Mitarbeiter der Aussteigerhilfe Bayern.

Benneckenstein sprach am Dienstag in Germering am Carl-Spitzweg-Gymnasium, das dem bundesweiten Netzwerk "Schule gegen Rassismus" angehört, über seine Erfahrungen. Die Schüler der zehnten Klassen nutzten die Gelegenheit, ihn auszufragen. Was die Jugendlichen besonders interessierte, waren der Einstieg und der Ausstieg, den er zusammen mit seiner Frau Heidi, die im Landkreis in einer Nazifamilie aufwuchs, geschafft hat. Benneckenstein berichtete, wie er als Zwölfjähriger zum Problemkind wurde: Ärger in der Schule, Ladendiebstähle, Auflehnung auf allen Ebenen, in seiner Clique wurde gesoffen und rechte Musik gehört. Er schob einen ziemlichen Hass auf den Staat und die Ordnung, räumt aber auf Nachfrage ein, dass er schon auch was gegen Ausländer hatte. Sein Bruder, der das Down-Syndrom hat, hätte ihn in dieser Phase vielleicht noch aufhalten können. "Aber er hat nie Fragen gestellt, sondern nur unter dem Streit zu Hause gelitten."

Die Szene in Erding war zwar unorganisiert, verband aber die Ideologie und das Ziel, ein nationalsozialistisches Regime zu installieren. "Und dahinter stecken in solchen Fällen immer organisierte Nazis", berichtet er. Nimmt man Benneckensteins Entwicklung als Maßstab, scheint die Strategie der Rechten zu verfangen, sich äußerlich zu diversifizieren und linke Parolen und Codes umzudeuten. "Glatze und Springerstiefel hätten mich am Anfang abgeschreckt", sagte er.

Stattdessen traf er in München einen Kameradschaftsführer mit Che-Guevara-Shirt und Pali-Tuch, wie überhaupt Antiamerikanismus und Israelfeindschaft seiner Ansicht nach wichtige Anknüpfungspunkte in der Mitte der Gesellschaft darstellen. Eine große Rolle spielt Verschwörungsdenken, weil damit jedes rationale Argument ausgehebelt werden kann. Es folgte der Bruch mit dem liberalen Elternhaus. Die Nazikameraden, bei denen er unterkriecht, stellten eine Ersatzfamilie dar.

Der Ausstieg zog sich über Jahre hin, einen Moment, in dem es bei ihm "Klick" gemacht habe, gab es nicht, antwortet Benneckenstein einem Schüler. "Es waren kleine Nadelstiche." Dass seine spätere Frau, obwohl überzeugte Nazisse, nichts von ihrem Vater hielt, weil sie in der Familie nur Gewalt erlebt hatte, sei Grundlage für erste Zweifel an der heilen braunen Welt gewesen. Den kruden rechten Antikapitalismus, der auf Zinsen und Rothschild abhebt, fand er irgendwie merkwürdig, nachdem er vom Schicksal der Zwangsarbeiter erfahren hatte. Zusammen schaffte das Paar den Ausstieg. Sie waren nicht allein, in einer Phase als Polizei und Antifaschisten ihnen nicht trauten und die alten Kameraden schon Verrat argwöhnten.

Auf die Frage, wie er den europaweiten Rechtstrend einschätzt, findet Benneckenstein klare Worte: Die AfD habe sich in den vergangenen Jahren immer mehr radikalisiert, einzelne Politiker dieser Partei seien schon nicht mehr als Rechtspopulisten zu bezeichnen. Er verweist auf die Parole vom "Volkstod", die aus dem Wortschatz der Nazis stammt und auf das vermeintliche Aussterben durch "Rassenmischung" anspielt. Eine Schülerin will wissen, ob er Mitleid mit Beate Zschäpe von der Kerngruppe des NSU verspüre. "Nein", sagt Benneckenstein. Ihre Distanzierung von der rechten Szene vor Gericht hält er für lächerlich. Jeder echte Aussteiger würde sich als erstes darum bemühen, Nazi-Verbrechen und seine eigene Beteiligung daran aufzuklären, schon um den Angehörigen zu helfen. Zschäpe habe in dem langen Prozess nichts dergleichen getan.