Alltag in der Kreisklinik, SZ-Serie Folge 2 Alkohol und Schenkelhalsbruch

Selbst an vermeintlich ruhigen Tagen in der Notaufnahme der Kreisklinik Fürstenfeldbruck müssen die diensthabenden Ärzte von einem Behandlungszimmer ins nächste eilen. Neben Routineverletzungen warten immer wieder auch schwierige Patienten - und viel Bürokratie

Von Florian J. Haamann

Die Kollegen von Unfallchirurgin Annabell Klink haben eine harte Nacht hinter sich. Die kleinen eingefallen Augen und der blasse Teint einer Ärztin zeugen davon, dass an Schlaf nur bedingt zu denken war in den vergangenen 16 Stunden. Jetzt heißt es noch die morgendliche Übergabe zu überstehen, dann übernimmt Klink mit zwei weitere Chirurgen und den Pflegern die Notaufnahme mit ihren 100 Betten, davon 70 unfallchirurgische und 30 allgemeinmedizinische. So aufregend wie in der Nacht wird es nicht werden, es wartet eher ein Routinetag. "Bei Schichtbeginn weiß man allerdings nie, was auf einen zukommt", so Klink. Während die Nachtschicht am Wochenende von 16 bis 9 Uhr geht, arbeitet der Tagdienst von 8 bis 16 Uhr. In der Nacht ist natürlich auch Zeit zum Schlafen eingeplant. In der Praxis ist das aber oft nur schwer umzusetzen.

Bei der Übergabe im "Chirurgenstübel", wie es an Tür steht, berichten die Kollegen von etwa 40 ambulanten Behandlungen, davon zahlreiche alkoholisierte Jugendliche, die eine große Feier am Vorabend beschert hat. Einer von ihnen musste mit Verdacht auf Gehirnerschütterung die Nacht im Krankenhaus verbringen. Dann war da noch ein aggressiver Betrunkener mit 5,3 Ethanol, wie es die Mediziner ausdrücken, umgerechnet sind das 4,8 Promille, mehrere Operationen und eine Reanimation, bei der zwar einige Rippen gebrochen sind, die aber das Leben des Patienten gerettet hat. Ein Blick in das vor einem Jahr eingeführte elektronische Organisationssystem der Station zeigt, dass solche Nächte keine Ausnahme sind. So stehen beispielsweise an einem normalen Freitagnachmittag 10 bis 15 Patienten im Programm - pro Stunde.

Um 8.20 Uhr, 20 Minuten nach Beginn der Übergabe, sitzt Annabell Klink bereits in einem der vier Behandlungszimmer der Notaufnahme und kümmert sich um ihren ersten Patienten. Der hatte am Tag zuvor eine Operation und die Wunde blutet wieder. Klink wirft einen kurzen Blick darauf, entscheidet, dass einfach nur die Naht erweitert werden muss. "Was für einen Faden willst du?", fragt die Schwester. "Einen 5,0er. Die 4,0er sind ja richtige Stricke", antwortet Klink und setzt kurz darauf die Nadel an. Ein Stich, eine Schleife, abtupfen, fertig. Keine fünf Minuten braucht sie, um dem Patienten zu helfen. Mindestens genauso lange dauert das, was danach kommt: die Bürokratie. "Wir schreiben für jeden Patienten einen Befundbericht, der dann an den Hausarzt geht. Das ist wichtig, denn wir sehen viele Patienten ja nicht wieder", so Klink. Aber es kostet eben auch viel Zeit, die sich die Ärzte sonst für die Behandlung nehmen könnten. Schon geht es in den nächsten Raum, wo bereits ein weiterer Patient sitzt. Über der Liege hängen Schautafeln "Das Handgelenk, das Schultergelenk, die Wirbelsäule". Der Patient hat einen Gichtanfall. Das erkennt Klink auch ohne passende Schautafel und schickt den Mann zum Röntgen. Während er dorthin unterwegs ist, eilt Klink ein Zimmer weiter, dort sitzt ein junger Patient mit Schmerzen im Fuß, auch er geht erst einmal zum Röntgen. "Wir röntgen sicher viel, aber es kommt immer wieder zu Zufallsfunden wie Zysten oder Metastasen. Einmal hatte ich einen jungen Mann, der beim Sport einen Ball ans Schienbein bekommen hat. Ich dachte, eigentlich kann er nichts haben. Auf den Aufnahmen hat sich dann gezeigt, dass das Bein gebrochen war", erzählt Klink.

Um neun Uhr sind die ersten Notfälle versorgt, doch bis Klink endlich die stationären Patienten visitieren kann, vergehen noch zwei Stunden und zahlreiche Behandlungen. Seit fast 10 Jahren arbeitet Klink nun in der Notaufnahme. "Der Job ist richtig spannend, aber ich muss sagen, dass es mich mit zunehmendem Alter auch immer mehr stresst. Das konnte ich mir früher nicht vorstellen", so Klink, "Manchmal, gerade nach einer schlaflosen Nacht, kann es dann schon mal passieren, dass einem mal der Ton entgleist. Daran muss man ständig arbeiten."

Beim nächsten Patienten, einem wochenendlichen Handwerkerunfall, ist Klink jedenfalls fürsorglich. Der junge Mann hat zwar den Nagel auf den Kopf getroffen, unglücklicherweise aber den des eigenen Daumens. Gebrochen ist nichts, dafür ist der Bluterguss schmerzhaft. Mit einer Nadel sticht Klink kleine Löcher in den Nagel, damit das Blut abfließen kann und der Druck verschwindet. Dann gibt es noch etwas Salbe und einen Verband und Annabell Klink kann sich um den nächsten Patienten kümmern. Überhaupt sind die Werkzeuge, mit denen die Ärztin hauptsächlich hantiert Schmerzsalben, Verbände, beruhigende Worte - und Quark. Gleich mehreren Patienten empfiehlt Klink an diesem Tag, einfach einen Quarkwickel um die geschwollenen und schmerzenden Körperteile zu legen. "Das ist zwar ein altes Hausmittel, aber ich kriege doch immer wieder Feedback von Leuten ,die erzählen, dass es geholfen hat."

Wesentlich schwieriger ist die Versorgung des nächsten Hilfsbedürftigen. Während Klink noch im Behandlungszimmer sitzt sagt sie "Da ist gerade ein Rettungswagen reingekommen, da sollten wir mal Hallo sagen". Woher sie das weiß? "Mit der Zeit hört man das einfach." Und tatsächlich, am Ende des Gangs schiebt ein Rettungssanitäter eine Liege ins Zimmer. Schon nach dem ersten Blick auf die Hüfte des Patienten legt sich Klink fest: "Das ist eine Fraktur." Die Röntgenbilder bestätigen ihren Verdacht. Der Oberschenkelhals des Mannes, der beim Spazierengehen gestürzt ist, ist gebrochen. Ungläubig hört er der Ärztin zu, als sie ihm erklärt, dass er ein künstliches Gelenk eingesetzt bekommen muss. Immer wieder schüttelt er entgeistert den Kopf, den leeren Blick auf die Decke des Raumes fixiert. Was für die Ärztin Routine ist, bedeutet für den Patienten auf der anderen Seite einen heftigen Einschnitt ins eigene Leben. Zeit, sich um die möglichen seelischen Sorgen des Mann zu kümmern, hat Klink nicht. Ein Blick ins System zeigt, dass das Wartezimmer mittlerweile voll ist und auch die Patienten auf der Station warten noch auf einen Besuch.

Bevor es für Klink dorthin geht und sich einer der Kollegen um die Menschen im Wartezimmer kümmert, schaut die Chirurgin noch nach zwei jungen Patienten, die sich beim Spielen verletzt haben. Ein kleines Loch im Kopf ist schnell mit einem speziellen Kopfplatzwundenkleber gekittet, der Junge bleibt trotz brennendem Desinfektionsmittel und ein paar Tränen tapfer. Zur Belohnung gibt es ein Spielzeugauto und eine leere Spritze "Da kannst du Zuhause Wasser rein machen und alle nass spritzen", sagt die Schwester und eilt damit den letzten Schmerz. Der angestoßene Kinderfuß im Nebenzimmer ist unverletzt. "Es ist ok, wenn die Leute vorsorglich zu uns kommen. Da ist einfach viel Angst dabei, die wir nehmen können", so Klink. Oft seien Patienten aber auch enttäuscht, wenn sie ohne Krankschreibung und Physiotherapie wieder entlassen werden. "Wir dürfen so etwas gar nicht ausstellen, auch keine Rezepte. Dafür bekommen wir von den Kassen keine Zulassung." Dass sei in den meisten Notaufnahmen der Fall. Für jeden Patienten gibt es lediglich eine Notfallpauschale. Rezepte und Krankschreibungen muss dann der Hausarzt ausstellen.

Auf der Station entlässt Klink zuerst drei Patienten, darunter den mittlerweile wieder ausgenüchterten Jugendlichen von der abendlichen Feier. "Ich bin dafür, die Leute immer möglichst früh zu entlassen. Krankenhaus bedeutet immer Stress." Dann heißt es, möglichst schnell die anderen Patienten zu besuchen. Die Zeit drängt, denn das Mittagessen steht schon bereit. Oft reicht ein kurzes "Hallo. Wie geht's?", um den Zustand des Patienten zu ermitteln, bei anderen wiederum muss Klink Laborwerte im Laptop nachschauen, Medikamente anpassen, Operationen anordnen. Nach dem Rundgang ist dann möglicherweise Zeit für die eigene Mittagspause - je nachdem, wie viele Menschen mittlerweile in der Notaufnahme auf Klinks Hilfe warten.