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Freizeitbranche:Sicher unterwegs

Erst Isomatte, dann Weltmarke: Holger Feist bastelte so lange, bis der perfekte Rückenprotektor fertig war.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nachdem Holger Feist selbst in eine Lawine geraten war, entwickelte der ehemalige Snowboard-Profi einen Rucksack mit besonders stabilen Rückenprotektoren. Mittlerweile gilt seine Firma weltweit als Marktführer - den elf Mitarbeitern sieht man an, dass sie oft an der frischen Luft sind

Von Thomas Becker

Die Jahrtausendwende hat Holger Feist nicht so richtig mitbekommen. In Venedig wollte er das Millennium feiern, doch das Getümmel rauschte an ihm vorbei. Schuld daran: Schmerzmittel und Muskelentspanner. Acht Tage zuvor war der ehemalige Snowboardprofi in einer Rinne am Flexenpass in eine Lawine geraten. Die spuckte ihn nach ein paar hundert Metern wieder aus, doch danach klagte er über Rückenschmerzen. Schmerzen, die sein Berufsleben als Produktmanager für Snowboards stark beeinträchtigen und verändern sollten.

Feist begann nachzudenken: "Das darf doch nicht sein, dass mich eine Lawinenschaufel im Rucksack verletzt!" Die schmerzhaften Erfahrungen ließen eine Idee reifen: von einem Rucksack, der schützt, gegen Schläge von außen und auch vor den Dingen im Rucksack. Der studierte Maschinenbauer schnappte sich eine Isomatte und begann zu schnibbeln und zu kleben, verglich seinen Rucksack immer wieder mit denen seiner Freunde - bis irgendwann der für ihn perfekte Rückenprotektor entstanden war.

Nun machte er sich an die Passform: Bei einer Bike-Tour am Mount Everest kamen ihm die Rucksäcke noch wie Kugeln am Rücken vor: "Wenn du um die Kurve fährst, hast du das Gefühl, der Rucksack überholt dich." Feist schnibbelte und klebte weiter, bis alles passte. Und als 2004 am Flughafen von La Paz seine Fahrrad-Box in die Brüche ging und Sattel, Rahmen, Lenker, Pedalen und Schrauben einzeln auf dem Gepäckband lagen, hatte er die nächste Idee: eine Tasche, mit der sich Räder leicht transportieren lassen. Rund zehn Jahre später ist aus dem Snowboard-Produktmanager der Chef von Evoc geworden, dem weltweiten Marktführer in Sachen Protektor-Rucksack und Fahrradtasche.

Die Firma befindet sich in einem Giesinger Hinterhof an der Tegernseer Landstraße. 1902 stand hier eine Malzfabrik; der vorherige Besitzer betrieb eine Druckerei, und als der im vergangenen Jahr in Rente ging, zog Holger Feist mit seinen elf Mitarbeitern in die loftartigen Räume. Den Industrie-Look behielt er bei.

In den Räumen herrscht ein kontrolliertes Durcheinander aus Fahrrädern, Snowboards, Taschen und Rucksäcken. Hier arbeiten Designer und Grafiker, denen man ansieht, dass sie oft an der frischen Luft sind. An den Wänden: neidisch machende Aufnahmen von Touren nach Kamtschatka oder an die Nordküste Vancouvers. "Unsere Mitarbeiter sollen auch reisen und nicht nur etwas verwalten", sagt Feist und zeigt Bilder vom jüngsten Betriebsausflug nach Schottland mit dem Bike. Fünf seiner Designerinnen und Grafikerinnen waren gerade mit dem Rad auf Bali - ihre Fotos zieren den neuen Evoc-Katalog, den mittlerweile zwölften.

Dass aus seinem Geschnibbel und Geklebe mal eine Weltmarke werden würde, hätte Holger Feist nicht gedacht, aber so ruhig und unaufgeregt wie er damit umgeht, scheint es für ihn auch keine allzu große Sache zu sein. Seine Firmen-Präsentation beginnt mit dem Satz: "Lange vor Evoc waren wir nur Freunde, die miteinander gereist sind." Rund sieben Jahre nach der Firmengründung scheint das Reisen auch weiterhin das Wichtigste zu sein. Anfang September geht es für Feist mit dem Rad in die Verdon-Schlucht. Und die Messe in Las Vegas verbindet er mit ein paar Touren in Colorado, auf dem Rad natürlich.

Feist ist Mitte vierzig, ein drahtiger Typ, kurzes Haar, kein Sunnyboy-Typ, eher der Gegenentwurf zum Boarder-Klischee. Aufgewachsen ist er im Allgäu. Schon früh von den Skiern aufs Snowboard gewechselt, fuhr er von 1991 an vier Jahre lang auf der Welt-Tour der Profis mit, Slalom und Riesenslalom. Er kam ordentlich herum in der Welt, allerdings immer nur von Wettkampf zu Wettkampf. "Du siehst nichts vom Land", sagt er, "das hat mich ein bisschen geärgert." Und so reiste er nach dem Profi-Leben weiter, 40 Länder in 15 Jahren. Er schrieb Geschichten für Magazine und ein paar Bücher mit Titeln wie "Vom Everest zur Atacama" oder "Powder Guide - Risiko-Check für Freerider", immer mit Mountainbike oder Snowboard - und mit Profi-Fotografen. Und so wie er am Anfang für sich und seine Kumpels an Rucksäcken und Taschen tüftelte, waren irgendwann auch die Fotografen dran: "Es gibt gutes Equipment für Studio-Fotografen, Fußball-Fotografen, sogar für Kriegs-Fotografen, aber nichts für Outdoor-Fotografen, die an extreme Plätze kommen, um spektakuläre Bilder zu schießen", sagt Feist, machte sich an die Arbeit und klagt nun: "Wenn ich gewusst hätte, wie viel Arbeit das ist, hätte ich das nicht gemacht. 35 Prototypen!" Aber auch dieser Aufwand hat sich gelohnt: Im vergangenen Jahr war Evoc erstmals auch auf der Messe Photokina vertreten.

Der Geburtsstunde von Evoc schlug jedoch in einem kleinen Bike-Shop in Hongkong. 2008 wollte Feists Kumpel Bernd Stucke im "Flying Ball" einen Fahrradservice machen lassen, packte sein Bike aus der von Feist entworfenen Tasche aus. Der Ladenbesitzer bekam große Augen und fragte, ob er 50 Stück davon haben könne. Konnte er. Feists Konzept kam an beim Fachmann. Zwei Wochen später wollte der Mann aus Hongkong 100 statt 50 Bike-Taschen. Bei Feist keimte ein Gedanke: "Wenn so ein kleiner Laden schon 100 Taschen will, vielleicht gibt es dann ja noch größere Läden, die so was wollen."

Auf einen Versuch kommt es an, und so gründete Feist mit Kumpel Bernd einen Tag vor der Ispo die Firma Evoc und meldet sich bei der weltgrößten Sportmesse an - mit einem Protektor-Rucksack und einer Fahrradtasche, neben all den großen Firmen mit ihren gigantischen Werbelandschaften. Experten hatten ihm abgeraten: "So was braucht kein Mensch!" Nun, die Rad-Tasche wurde gleich mal Testsieger beim Bike-Magazin. Und sieben Jahre später ist Evoc mit weit mehr als 100 Produkten in 32 Ländern präsent und hat zig Design- und Nachhaltigkeitspreise gewonnen.

Das Quality-Management hat Feist einem Snowboardprofi anvertraut. Vier Monate im Jahr ist der an den Produktionsstätten in Vietnam und China. "Wir haben fast keine Rückläufe, weil wir so detailverliebt sind", sagt Feist, "die wichtigsten Märkte haben wir abgedeckt, und in den USA haben wir erst vergangenes Jahr angefangen. Das geht gut los da. Dabei wollten wir gar keine Firma gründen, aber die Nachfrage war halt so groß."

Selbst Szenegrößen wie Danny MacAskill, weltbester Bike-Trail-Fahrer und You-Tube-Star, bleiben auf der Ispo am Evoc-Stand hängen, erzählt Feist: "Vor fünf Jahren stand er bei uns, aber ich musste ihm sagen: ,Sorry, wir können dich nicht als Teamfahrer zahlen.'" Er gab ihm eine Bike-Tasche, ein T-Shirt und einen Rucksack mit. Zwei Jahre später stand MacAskill wieder da und erzählte begeistert, dass sein Bike mit der Evoc-Tasche seitdem 50 Mal um die Welt geflogen ist. Bei Dreharbeiten zu seinem Video "The Ridge", das auf Youtube mehr als 36 Millionen Mal geklickt wurde, ist er bei einem Vorwärtssalto über einen Zaun bestimmt 15 Mal auf dem Rücken gelandet - kein Problem mit dem Protektor-Rucksack. Mittlerweile ist MacAskill nun doch einer von 50 Evoc-Teamfahrern, dem Feist sogar eine eigene Tasche geschnibbelt und geklebt hat.

Beim jüngsten Betriebsausflug in die schottischen Highlands traf man sich in einer Bar in Aviemore, per Zufall. "Danny meinte: ,Lass uns morgen biken gehen!' Da war es schon drei Uhr nachts! Aber morgens um neun Uhr stand er da." Den Stunt mit dem Zaun haben sie dann aber doch lieber ausgelassen.

© SZ vom 25.08.2015
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