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Zwischen vergangener Welt und "Göttern der heutigen Zeit":Fließende Übergänge

Balazs Beöthy, Claus Bach und Antoine Geiger (von links), die sich vorher noch nie begegnet sind, stellen gemeinsam im Schafhof aus.

(Foto: Marco Einfeldt)

Bei der Ausstellung "Die Grenze ist offen . . ." im Schafhof beschäftigen sich sieben internationale Künstler mit dem Berliner Mauerfall, der Verschmelzung von Mensch und Technik sowie der Suche nach Identität

Von Katharina Aurich, Freising

Am 9. November jährt sich der Fall der Berliner Mauer. Passend dazu zeigt das Europäische Künstlerhaus Schafhof die Arbeiten von sieben Künstlern unter dem Motto "Die Grenze ist offen . . ." - in Anlehnung an den Satz, der eigentlich nicht so gemeint war, aber den Mauerfall auslöste. Widersprüchlich sind auch die gezeigten Werke, die nicht nur offene Grenzen thematisieren, sondern sich gleichzeitig mit dem Jahresthema des Schafhofs, "Identität", auseinandersetzen. Eike Berg, der Leiter des Schafhofs, lud Claus Bach (Deutschland), Balazs Beöthy (Ungarn), Angelika Böck (Deutschland), Jeanno Gaussi (Kabul/Berlin), Antoine Geiger (Paris), die Recycling Group (Russland) und Felix Weinold (Deutschland) ein, ihre Positionen zu "Die Grenze ist offen . . ." zu zeigen.

Die Künstler waren sich vorher noch nie begegnet. Das Künstlerhaus sei nicht nur ein Ort, um künstlerische Positionen zu zeigen, sondern ein Treffpunkt für alle, um sich kennenzulernen und auszutauschen, Anregungen zu bekommen, neue Ideen zu entwickeln und Netzwerke zu knüpfen, sagte Berg am Freitag vor der Ausstellungseröffnung. Am Konkretesten setzten sich die Fotos von Claus Bach mit den offenen Grenzen, die nach dem Fall der Mauer kamen, auseinander. Er hatte den Alltag in der DDR über viele Jahre festgehalten. Seine Schwarz-Weiß-Fotos zeigen, wie es mal war, aber diese Welt gibt es nicht mehr. Auf einem Bild grüßt eine Pionierpuppe mit "Immer bereit". Sein bekanntestes Foto ist das vom Weimarer Theaterplatz mit dem Denkmal von Goethe und Schiller, denen jemand ein Schild mit den Worten "Wir bleiben hier" umgehängt hatte.

Balazs Beöthy reflektiert mit zwei Videos über Leben und Tod. Es sind Filme über zwei seiner Freunde, die jung gestorben sind. Während der Künstler im Off über die Toten spricht, bewegen sich diese im Film. Macht der Künstler eine Pause, bleiben auch die Figuren stehen. Damit markiere er die Grenze zwischen "belebt" und "unbelebt", so Berg.

Antoine Geiger hält uns allen, die wir täglich Stunden vor mobilen Kommunikationsmitteln verbringen, den Spiegel vor. Geiger konzentriert sich auf das Gesicht als Ausdruck von Individualität. Auf seinen Bildern haben die Menschen keine Gesichter mehr, sondern verschmelzen mit den Displays ihrer Smartphones zu Zombies - die Grenze zwischen Persönlichkeit und Medium ist aufgehoben. Felix Weinold und das LAB Binaer zeigen in Videos, wie menschliche Arbeit durch Roboter ersetzt wird, wie zwei Menschen und zwei Putzroboter einen kleinen Raum reinigen. Außerdem sind Menschen und Roboter selbst mit einer Kamera ausgestattet, so dass der Betrachter ihre Perspektive mitverfolgen kann. Das Ergebnis: Roboter und Menschen werden in den Videos als ähnlich lebendig wahrgenommen.

Die Recycling Group, das sind die russischen Künstler Andrey Blokhin und Georgy Kusnetsov, stellen eines ihrer Werke, das bereits auf der Biennale in Venedig zu sehen war, im Schafhof aus. In einer Art Relief thematisieren sie die "Götter unserer heutigen Zeit", die digitalen Medien. Angelehnt an Szenen aus der Antike beten die Gestalten serverähnliche Geräte an.

Angelika Böck untersucht in ihren Videos, die sie unter anderem in Australien drehte, wie dort die Identitätsbeschreibung funktioniert, etwa anhand von Fußspuren. Die sechs Meter hohe Fahne von Jeanno Gaussi braucht keine besondere Interpretation, ihre Aussage ist glasklar: Save Our Souls. SOS lautet ihre Botschaft, denn auf dem Fahnenmast sind üble rassistische Zitate aus Facebook eingraviert. Für viele Menschen geht es nicht um Identitätsfindung, sondern ums Überleben.

© SZ vom 31.10.2016

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