Westtangente:Verständliche Empörung

Der Ärger über die Kostenexplosion ist nachvollziehbar, allerdings auch sinnlos - Alternative zur Fertigstellung der Umgehung gibt es keine mehr

Kommentar von Kerstin Vogel

Die Versuchung ist groß, jetzt besserwisserisch zu sagen: Haben wir es nicht gewusst! Die Westtangente, ein Millionengrab! Tatsächlich hatten die Gegner des Projekts in der Jahrzehnte langen Debatte um die Umgehung immer wieder vor einer Kostenexplosion gewarnt, hatten 2013 vor dem Bürgerentscheid dazu das renommierte Münchner Büro Vieregg-Rössler vorrechnen lassen, dass das geplante Tunnelbauwerk in Vötting die Kosten auf 130 Millionen Euro treiben werde - die Stadt war damals noch von 83 Millionen ausgegangen.

Nun also sind die 130 Millionen nicht nur erreicht, sondern sogar noch übertroffen und ein ganz klein bisschen klang das "Haben wir es nicht gesagt" auch durch, als sich Sebastian Habermeyer im Finanzausschuss des Stadtrats für die Grünen über die neuerliche Kostensteigerung empörte. Ein bisschen sei das den Tangentengegnern auch zugestanden: Heftig waren sie damals für Schwarzmalerei kritisiert worden - und wer weiß, ob der Bürgerentscheid nicht anders ausgegangen wäre, wären damals 133 Millionen Euro als Kosten genannt worden. So verständlich die Empörung ist, so sinnlos ist sie auf der anderen Seite: Eine Alternative zur Fertigstellung der umstrittenen Straße gibt es nun nicht mehr.

Bleibt die auch am Montag einmal mehr diskutierte Frage, ob die Westtangente tatsächlich helfen wird, die dringend notwendige Verkehrswende zu schaffen. Die Hoffnung der Befürworter ist immer noch, dass die Umgehungsstraße die Innenstadt so entlastet, dass man dort endlich anfangen kann, die Mobilitätswende einzuleiten: neue Fahrradwege, besserer öffentlicher Personennahverkehr und was alles dazugehört. Möglicherweise - und dieses Gedankenspiel muss erlaubt sein - wird die Westtangente aber auch in erster Linie als Zubringer von der ewig überlasteten A 9 zum Flughafen zusätzlichen Verkehr anziehen, während die Stadt Freising in der Lawine ihres unverminderten Binnenverkehrs erstickt. Spätestens dann dürfte sich der eine oder andere Stadtrat doch noch fragen, wie viele Fahrradwege und kostenlose Stadtbusse man für 133 Millionen Euro hätte haben können.

© SZ vom 06.11.2019
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