Trockener Alkoholiker erzählt:20 Jahre weggeschmissen

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Obwohl er seit 18 Jahren keinen Tropfen mehr trinkt, war A. keine eigenständige Existenz mehr möglich

Von Gudrun Regelein, Landkreis

Am heutigen Samstag startet die bundesweite Aktionswoche "Alkohol? Weniger ist besser!", die noch bis Sonntag, 21. Mai, dauert. Etwa 7,3 Millionen Menschen in Deutschland trinken regelmäßig zu viel Alkohol - und riskieren dadurch Folgeschäden bis hin zu Krebs. Die Aktionswoche will dazu anregen, über den eigenen Konsum nachzudenken. Auch der Landkreis Freising beteiligt sich an dieser Woche: So werden beispielsweise "Alkohol-Buddies", Zweierteams des Arbeitskreises für Suchtfragen Freising, beim Uferlos-Festival unterwegs sein. Die Freisinger SZ beleuchtet das Thema unter verschiedenen Aspekten - den Auftakt bildet der Besuch bei Herrn A., einem trockenen Alkoholiker, der momentan im Anton Henneka-Haus wohnt.

Herr A. erzählt seine Geschichte beiläufig, so, als habe er das schon sehr oft getan. Er ist Alkoholiker, seit fast 18 Jahren trocken. Dass die Sucht einen Großteil seines Lebens zerstörte, beschäftige ihn noch heute täglich, sagt er. "Ich hätte einfach nie zum Trinken anfangen dürfen. Die wichtigsten Jahre habe ich versoffen, 20 Jahre einfach weg geschmissen."

Er sei mit Alkohol groß geworden, erzählt der 55-Jährige, dem man sein Leben an seinem von Falten zerfurchten Gesicht ansieht. Sein Großvater und auch sein Vater haben beide getrunken. Er selber haben dann als 16-Jähriger damit begonnen, mehr oder weniger aus Langeweile. Damals habe er eine Lehre als Konditor gemacht, sei an den Wochenenden mit Gleichaltrigen in die Kneipe gegangen. "Ich habe von Anfang an mitgesoffen, alle haben gesoffen", sagt er. Irgendwann habe er dann auch unter der Woche begonnen, exzessiv zu trinken. "Dass ich abhängig sein könnte oder werden würde, war mir nicht bewusst." Das Trinken sei "reine Gewohnheitssache" gewesen: "Nach der Arbeit nach Hause, dann schnell zum Wirt, heim zum Essen und anschließend wieder zum Wirt." Aus ein paar Gläsern Bier zu Beginn wurden immer mehr. Ganz oft habe er nicht mehr gewusst, was er betrunken alles gemacht habe, erzählt er.

Obdachloser in Tutzing, 2014

Oft enden alkoholkranke Menschen auf der Straße, nicht jeder findet zurück in ein normales Leben.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Als er mit 19 Jahren schließlich zur Bundeswehr kam, sei es mit dem Trinken immer extremer geworden. "Da habe ich dann schon nur noch Saufkumpanen gehabt, ansonsten war ich ein Einzelgänger", sagt Herr A. nachdenklich. Immer wieder habe es zwar auch Phasen gegeben, in denen er weniger trank oder auch gar nichts mehr, "aber das habe ich dann wieder nachgeholt".

Richtig Fuß gefasst im Leben hat Herr A. nie: Seine Lehre hat er nicht beendet, bis zu seinem 31. Lebensjahr wohnte er noch bei den Eltern auf dem Bauernhof der Familie. Danach führte er ein Vagabundenleben, mit Alkohol als ständigem Begleiter, erzählt er. Sein Geld verdiente er mit Haustürgeschäften oder bei Drückerkolonnen. In jenen Jahren lebte er abwechselnd in der städtischen Unterkunft für wohnungslose Männer in der Pilgersheimer Straße in München, im Anton Henneka Haus - und immer wieder auf der Straße. Mehrmals war er auch im Gefängnis. 1999 dann begann sein neues Leben. "Es ist der 23. September gewesen, dieses Datum werde ich niemals vergessen", sagt er. Damals wohnte er gerade wieder einmal im Anton Henneka Haus, ihm ging es gesundheitlich nicht gut, er war am Ende seiner Kraft angelangt. Ein tägliches Pensum von etwa 20 Flaschen Bier und dazu noch Schnaps sei in jener Zeit für ihn normal gewesen. Der Arzt habe ihm gesagt, wenn er so weitermache, habe er noch ein halbes Jahr zu leben. "Da hat dann der Computer gearbeitet", sagt Herr A. und deutet auf seinen Kopf, "und dann hat sich der Schalter umgelegt."

Am nächsten Tag ist er um fünf Uhr morgens aufgestanden, hat seine drei letzten Dosen Bier getrunken und ist danach zur Sozialarbeiterin gegangen. "Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht mehr mag und in Taufkirchen entgiften möchte. Da war ich dann." Es brauche jemanden, der einen Anstoß gebe, der einen unterstütze, sagt Herr A., "machen musst du es dann aber selber". Und das sei sehr hart gewesen, gerade auch die erste Zeit.

Seitdem hat Herr A. nie mehr Alkohol getrunken. "Entweder ganz oder gar nicht", sagt er. Er sei ein Dickschädel, habe mit dem Trinken abgeschlossen. "Wieso sollte ich noch saufen?", fragt er. "Wieso sollte ich mir das noch einmal antun? Ich habe mir mit der Trinkerei so viel versaut. Und ich vergesse nie, welches Arschloch ich unter Alkoholeinfluss gewesen bin."

„Laufen muss jeder selber“

Im Anton Henneka Haus in Gelbersdorf, einer stationären Einrichtung der Wohnungslosenhilfe, leben und arbeiten etwa 60 alkoholgefährdete, wohnungslose, arbeitslose, strafentlassene und psychisch kranke Männer. Sie alle schaffen es nicht, ihre sozialen Schwierigkeiten aus eigener Kraft zu überwinden. "Wir arbeiten hier zieloffen", sagt der Einrichtungsleiter Tassilo Winhart. "Wir sagen nicht, das ist richtig oder falsch - sondern wir fragen: wohin willst du?" Probleme werden analysiert, und gemeinsam mit den Männern Lösungen gefunden: "Wir können den Weg zeigen, laufen muss dann jeder selber."

Ziel sei, dass die Bewohner ihre maximale Selbständigkeit wiederfinden. Dies geschehe durch multiprofessionelle Teamarbeit in Wohngruppen, in Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit und durch Arbeitstraining in den Werkstätten. Jeder Teilnehmer werde dabei nach seinen eigenen Fähigkeiten in die Tagesstruktur eingebunden, berichtet Winhart. regu

Ein eigenes Leben konnte er sich aber dennoch nicht mehr aufbauen. Zwar lebte er viele Jahre in der Stadt Moosburg, eine Zeitlang in einer Außen-Wohngemeinschaft des Anton Henneka Hauses und später auch in einer eigenen Wohnung - und verdiente sein Geld bei verschiedenen Zeitarbeitsfirmen.

Irgendwann aber sei es ihm psychisch und physisch immer schlechter gegangen, bis er in diesem Jahr erneut im Anton Henneka Haus um eine Aufnahme bat. Jetzt wohnt er dort im sogenannten Himmelreich, im trockenen Bereich. Er plane nichts mehr, sagt er, "das bringt nichts und geht meistens schief". Er gehe in die Arbeit und nach Feierabend gehöre der Tag ihm. Und der Alkohol? Vermisst er den noch - nach fast 18 Jahren? "Warum sollte ich?", fragt er. Und dann, nach einer kurzen Pause: "Leicht ist es heute noch nicht. Manchmal fängst du an zu überlegen und fragst dich, warum du mit dem Saufen aufgehört hast. Wenn ich das nicht getan hätte, wäre ich nicht mehr am Leben - und müsste das alles nicht mehr mitmachen."

Im Rahmen der deutschlandweiten Aktionswoche "Alkohol. Weniger ist besser" der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen bietet die Kontakt- und Begegnungsstätte für suchterkrankte Menschen Freising in der Passage an der Heiliggeistgasse 1 einen Flohmarkt an. Am "Suchtstand" erhalten interessierten Flohmarktbesucher Informationen zur Suchtproblematik und entsprechenden Verhaltensweisen oder auch zu Einrichtungen des Landkreises und der Stadt. Auch "Rauschbrillen" haben die Veranstalter dabei. Der Flohmarkt findet am Mittwoch, 17. Mai, von 9 bis 14 Uhr statt.

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