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Sozialamt Freising:"Wir können das nicht alleine stemmen"

Robert Zellner hat bis vor kurzem das Sozialamt der Stadt Freising geleitet und war unter anderem für die Vergabe von Sozialwohnungen zuständig.

(Foto: Marco Einfeldt)

Robert Zellner, bis vor kurzem Sozialamtsleiter der Stadt Freising, sieht im Kampf gegen die Wohnungsnot nicht nur die Kommunen, sondern auch private Investoren in der Pflicht. Nötig sei zudem eine Dezentralisierung.

1992 begann Robert Zellner für die Stadt Freising zu arbeiten - zunächst im Ordnungsamt. Dort wurde ihm die Wohnungsvergabe für obdachlos gewordene Menschen übertragen. Später dann leitete er 18 Jahre lang das Amt für soziale Angelegenheiten der Stadt Freising, das unter anderem für die Sozialwohnungen zuständig ist. Erst vor Kurzem wurde der 63-Jährige in den Ruhestand verabschiedet. Nun spricht er mit der SZ Freising über den eklatanten Mangel an bezahlbarem Wohnraum, einem der drängendsten Probleme in der Stadt und im Landkreis.

SZ: Herr Zellner, Sie hatten in all den Jahren ein riesiges Aufgabenfeld. War die Wohnungsnot das wichtigste Thema?

Robert Zellner: Das größte nicht unbedingt. Aber sicher das Thema, das uns in der Verwaltung emotional am meisten betroffen hat. Wir waren in Kontakt mit Bürgern, die in Not waren und wussten, dass wir nicht allen helfen konnten.

In den vergangenen Jahren entstanden in der Stadt zwischen 350 und 400 öffentlich geförderte Wohnungen - die Sie aber nur als "Tropfen auf dem heißen Stein" bezeichnen . . .

Ich habe immer wieder betont, dass der Wohnungsbau nicht alleine das Problem lösen kann. Stehen uns 600 neue Wohnungen zur Verfügung, dann wird das vielleicht für zwei Jahre ausreichen. In drei Jahren aber werden wir dann wieder das gleiche Problem haben. Wir brauchen andere, neue Lösungen.

Nämlich?

Die Dezentralisierung. Wir pflastern unsere Heimat immer mehr zu, andere Gebiete dagegen veröden. Mir ist bewusst, dass es für die Betroffenen kein leichter Schritt ist: Aber wenn man hier keine Arbeit und keine Wohnung findet, dann ist es doch definitiv eine Alternative, in eine Gegend zu ziehen, die beides noch bietet. Das müssen ja nicht die neuen Bundesländer sein. In der Oberpfalz oder im Fichtelgebirge beispielsweise gibt es Wohnungen, deren Miete unter der unserer Sozialwohnungen liegt. Mit Dezentralisierung meine ich aber auch, dass zumindest ein Teil der regionalen Firmen ihre Zentralen in strukturschwache Gebiete, in denen es noch keine Vollbeschäftigung gibt, verlagern müssten.

Blicken wir auf den Flughafen, der vielen Menschen Arbeit bietet. Die allerdings alle auch Wohnraum brauchen.

Die Gesellschaft weiß, dass sie etwas unternehmen muss, die wird sich engagieren und die versprochenen Wohnungen schaffen. Früher war es übrigens üblich, dass Unternehmen Arbeiterwohnungen schufen. Auch bei uns in Freising gab es das. Die Firma Schlüter, in deren Werk Traktoren hergestellt wurden, hatte beispielsweise solche auf ihrem Areal, den heutigen Schlüterhallen.

Hat die Stadt beim sozialen Wohnungsbau ihre Hausaufgaben gemacht?

In Freising ist in dieser Hinsicht schon immer viel passiert. Bis vor etwa 25 Jahren war es allerdings so, dass aus den Mieteinnahmen von städtischen Wohnungen keine Rücklagen gebildet werden durften. Mit diesen wurden die Haushaltslöcher gestopft, die Wohnungen aber gerieten teilweisen in einen immer schlechteren Zustand. Erst mit der Änderung des Gesetztes konnte dann langfristig in den sozialen Wohnungsbau investiert werden. Wohnungen wurden renoviert und saniert. Wir haben inzwischen die Wohnungsbaugesellschaft und die Stadtbau GmbH. Deren Ziel ist, einen vernünftigen und nachhaltigen sozialen Wohnungsbau auf die Beine zu stellen.

Und im Landkreis?

In Moosburg wurde in jüngster Zeit gehandelt und kostengünstige Wohnungen geschaffen. Bei den meisten Landkreis-Gemeinden dagegen passiert noch zu wenig. Die Kommunen müssten ihre Grundstücke für den sozialen Wohnbau zur Verfügung stellen. Deren Realisierung könnten ja auch durch andere Bauträger erfolgen. Allerdings scheinen die Gemeinden kein großes Interesse daran zu haben. Die entscheidende Frage für mich aber ist, in welchem Umfang wir den sozialen Wohnbau wollen. Und da wiederhole ich mich: Er darf sich nicht alleine am Bedarf orientieren. Solange Wohnungen entstehen, werden sie auch besetzt.

Inzwischen ist doch aber nicht nur sozialer Wohnraum, sondern auch bezahlbarer Wohnraum Mangelware?

Ja, das ist tatsächlich so. Auch Familien mit zwei Einkommen können sich häufig kaum mehr die Miete leisten. Das Problem breitet sich aus. Der geförderte Wohnungsbau muss mittlerweile auch andere Einkommensgruppen bedienen.

Aber woher soll dieser Wohnraum kommen?

Man könnte beispielsweise die Kommunen dazu verpflichten, bei Ausweisung von Gewerbegebieten einen gewissen Prozentsatz für den Wohnungsbau auszuweisen. Dann aber nicht für hochpreisige, sondern für bezahlbare Wohnungen. Anderes Beispiel: die "Sobon", die sozialgerechte Bodennutzung, die es in München seit 1994 gibt. Bei dieser müssen Bauherrn unter anderem vertraglich zusichern, einen fixen Anteil preisgünstiger Wohnungen anzubieten. Sinnvolle Instrumente also gäbe es. Die Kommunen alleine können das nicht stemmen, auch private Investoren sind gefragt.

Sie haben zuletzt nur noch wenige Wohnungen an Bewerber vom freien Markt vergeben können - etwa zehn im Jahr. Vor 20 Jahren waren es noch rund 100 gewesen. Die Zahl der Klienten aber ist mit etwa 300 im Jahr gleich geblieben. Was löst das bei den Betroffenen aus?

Viele der Wohnungssuchenden sind verzweifelt, viele fühlen sich auch benachteiligt, wenn sie erfahren, dass ein anderer Bewerber eine Wohnung bekommen hat. Es entsteht ein großer Frust. Beleidigungen oder ein aggressives Verhalten gegenüber den Mitarbeitern im Amt sind inzwischen leider keine Ausnahme mehr. Ich sehe aber noch ein ganz anderes Problem: Viele der Bewerber sind Menschen mit Migrationshintergrund. Wenn diese den Großteil der Sozialwohnungen belegen, könnte dort ein neuer sozialer Brennpunkt entstehen - denn Integration funktioniert so nicht. Man muss also unbedingt darauf achten, dass keine einseitige Bevölkerungsstruktur entsteht.

Blicken wir auf Freising in 30 Jahren: Wie wird es dann in der Stadt ausschauen?

Ich befürchte eine Nachverdichtung. Mehr Menschen konzentriert auf engem Raum. Und das wird die sozialen Spannungen erhöhen.