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Kommentar:Es hätte andere Wege gegeben

Warum die Entscheidung für den Konsenskandidaten möglicherweise doch nicht richtig ist

Von Kerstin Vogel

Die Entscheidung, sich nach dem überraschenden Tod des Hallbergmooser Bürgermeisters Harald Reents im vergangenen Jahr auf einen gemeinsamen Kandidaten für dessen Nachfolge zu verständigen, fühlt sich auf der emotionalen Ebene durchaus richtig an. Reents war bei den Bürgerinnen und Bürgern und quer durch die Parteienlandschaft geschätzt und beliebt. Sein Tod hat eine traumatische Kulisse geschaffen, in der ein Wahlkampf rein gefühlsmäßig fehl am Platz wirkt. Ganz sicher wäre es für die Kandidatinnen oder Kandidaten schwer geworden, vor dem Hintergrund dieser Tragödie Wahlwerbung für sich zu machen, sich damit naturgemäß selber in den Mittelpunkt zu rücken und womöglich noch einen harten Wahlkampf gegen die Mitbewerber zu führen.

Dass sich der stattdessen auserwählte Konsenskandidat eigentlich schon aus der Politik zurückgezogen hatte und zu seinem neuerlichen Engagement erst überredet werden musste, sei lediglich am Rande bemerkt. Man darf wohl davon ausgehen, dass Josef Niedermair, nachdem er sich am Ende für die Kandidatur und damit für seine sehr wahrscheinliche Wahl entschieden hat, das Amt mit hundertprozentigem Einsatz ausfüllen wird. Genug Erfahrung dafür bringt er auf jeden Fall mit.

Dennoch: Es ist ein Grundzug der Demokratie, dass die Bürgerinnen und Bürger bei einer Wahl auch die Wahl haben sollten - und so sympathisch die Entscheidung für den Konsens und gegen den Wahlkampf auf den ersten Blick auch sein mag: Es hätte andere Wege gegeben, die Wahl auch mit mehreren Bewerbern verschiedener Parteien pietätvoll und ohne vielleicht unangebrachtes Getöse über die Bühne zu bringen. Der Austausch von Sachargumenten allein hätte das Andenken an Bürgermeister Reents sicher nicht beschädigt - die Kandidaten hätten es ja selber in der Hand gehabt, Absprachen zu Fairness und Mäßigung zu treffen.

Und: Tatsächlich gibt es noch politische Akteure in Hallbergmoos, die nicht in den Konsens eingebunden sind. Sollten diese - wie gerüchteweise kolportiert wird - nun die Gelegenheit nutzen und ihrerseits mit Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters antreten, könnte der Schuss auch noch nach hinten losgehen. Es könnte der dann wohl doch anstehende Wahlkampf für die Profilierung einer FDP-Bundestagskandidatin oder - viel schlimmer noch - der AfD missbraucht werden.

© SZ vom 28.01.2021
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