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Kirchbergers Woche:Rücksichtslos und gefährlich

Wer Virologen für Verschwörer hält, Masken und Abstandsregeln für unnötig erachtet, der gefährdet sich und seine Mitmenschen

Kolumne von Johann Kirchberger

Wenn Unvernunft und Dummheit auf unseren Straßen anhalten oder sogar zunehmen, wenn weiter an Flüssen, Seen und in Parks ungehemmt gefeiert wird, wenn Urlaubsreisen, egal wohin, unverzichtbar bleiben, dann kann einem Angst und Bange werden. Corona freut sich, die Fallzahlen steigen und die erreichten Lockerungen werden vielleicht schon bald wieder zurückgefahren, mit allen unsäglichen Folgen. Zu verdanken haben wir das dann denjenigen, die Freiheit rufen, Virologen für Verschwörer halten, Masken und Abstandsregeln für unnötig erachten und mit ihrem rücksichtslosen Verhalten nicht nur sich, sondern auch ihre Mitmenschen gefährden.

Da ist es nur billig und recht, wenn Urlaubsreisende sich am Flughafen nach ihrer Rückkehr dann einem Test unterziehen und danach in Quarantäne müssen. Nur sollten die Kosten dafür nicht der Allgemeinheit aufgebrummt werden, sondern von denen bezahlt werden, die glauben, ohne Fernreisen nicht leben zu können.

Wütend kann auch machen, was die Fernsehschaffenden ihren Zuschauern zumuten. Talkrunden, Kabarettsendungen und sogar der Tatort machen Sommerpause. Die sei allen vergönnt, drei oder vier Wochen lang. Aber doch nicht drei oder vier Monate. Stattdessen werden Wiederholungen bis zum Abwinken gezeigt, zwischendurch auch mal ein "Best of". Jetzt fehlt nur noch, dass demnächst ein ARD-Extra oder ein ZDF-Spezial vom April wiederholt wird, denn Corona macht keine Sommerpause und die Virologen können heute nicht viel anderes als vor ein paar Monaten sagen.

Nicht wiederholen, sondern neu gestalten möchte unser neuer Landrat die Asylpolitik des Landkreises, die Freising den zweifelhaften Ruf eingebracht hat, einen besonders harten Kurs gegenüber Asylbewerbern zu fahren. Helmut Petz aber leuchtet es nicht ein, wie er in einem Interview sagte, warum man Asylbewerber nicht arbeiten lassen und ihnen lieber Transfer-Leistungen fürs Nichtstun zahlen soll. Das sei nicht nur ökonomischer Unsinn, sondern auch menschlich fatal. Arbeit gehöre schließlich zu den Grundbedürfnissen der menschlichen Existenz. Recht hat er.

Derzeit sieht die gesetzliche Regelung vor, dass ankommende Flüchtlinge die ersten drei Monate nicht arbeiten dürfen und erst nach zehn Monaten einen Anspruch auf eine Arbeitserlaubnis haben. Was in der Zeit dazwischen passiert, liegt im Ermessen der Behörden. Diesen Spielraum will Petz jetzt ausnutzen und jeden arbeiten lassen, der will, kann und nicht straffällig geworden ist. Das ist richtig und gut so, denn Ausländerpolitik darf nicht darin bestehen, Flüchtlingen das Leben bei uns so unangenehm wie möglich zu machen, damit sie freiwillig in ihre zerbombte Heimat zurückkehren.

Neben Corona und Urlaubern könnte demnächst auch der Wochenmarkt zurückkommen, zurück in die Freisinger Innenstadt. Vorausgesetzt, man findet zwischen den geparkten Autos Platz für Verkaufsstände. Zumindest will das die SPD, die Standlbesitzer wollen es und die Geschäfte in der Innenstadt auch. Die coronabedingte Auslagerung in die Luitpoldanlage erleichtert es zwar, das Abstandsgebot einzuhalten, aber es kommt keine Stimmung auf, zu weitläufig ist das Gelände.

Der Wochenmarkt aber war und ist immer auch ein Ort der Begegnung. Wenn alle Maske tragen und Abstand halten, könnte trotz Corona ein Re-Start im Zentrum der Stadt Freising möglich sein. Samstags zumindest dürfte der Marienplatz als Wendehammer für Baufahrzeuge nicht benötigt werden. Benötigt aber wird jetzt eine Belebung der Freisinger Innenstadt.

© SZ vom 08.08.2020
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