Kirchbergers Woche:Radeln auf eigene Gefahr

Im Landkreis ist die Stadt Freising Schlusslicht beim Fahrradklimatest. Das verwundert nicht weiter

Von Johann Kirchberger

Freising ist zertifiziert, vom bayerischen Verkehrsministerium, als fahrradfreundliche Kommune. Und diese Auszeichnung hat sich Freising auch verdient, oder etwa nicht? Es hat schließlich einen Mobilitätsreferenten und einen Mobilitätsbeauftragten. Der kommt täglich aus Poing angeradelt. Irgendwo in Freising steht ein runder Radlertisch herum - der eckige ist leider verschollen, es gibt die Freunde vom Radentscheid, die auf der Mainburger Straße rote Teppiche für Radler auslegen, es gibt die Aktion Stadtradeln und es gibt den ADFC. Alle kümmern sich mehr oder weniger darum, wie und auf welchen Wegen unsereins auf zwei Rädern möglichst gefahrlos mobil sein kann. Auf welchen Fahrrädern gefahren wird, ist egal, dafür sind die Radlhändler zuständig.

Und? Was ist bisher passiert an Verbesserungen? Die Stadt bezuschusst Lastenräder, in der Kammergasse gibt es einen Pop-Up-Radweg - das ist so etwas wie ein Geisterradlweg, also ohne Radler - und es gibt Fahrradstraßen. Die eine ist die Alte Poststraße in Neustift und wäre durchaus geeignet, wenn da nicht so viele Autos fahren und parken würden. Recht gut gelungen ist aber das auf die Fahrbahn gemalte weiße Radl auf rotem Grund. Die zweite Fahrradstraße ist die Siedlung Schwabenau und ist eigentlich eine Fahrradzone. Die ist nur von der Isarstraße aus anzufahren und es besteht keinerlei Durchgangsverkehr, hier müssen nur die Leute hin, die dort wohnen. Ihre Häuser erreichen sie - egal ob Zone oder Straße - auch weiterhin mit dem Auto, dem Radl oder zu Fuß.

Und da ist da noch die Kulturstraße. Wenn es tatsächlich beabsichtigt gewesen sein sollte, mit dieser Fahrradstraße den Autoverkehr von dort weg auf die Kepserstraße zu verlagern, um so für mehr Sicherheit zu sorgen, dann ist dieses Ziel gründlich verfehlt worden. Denn ausgerechnet an der Kepserstraße befinden sich mehrere Kindergärten und die Lerchenfelder Grundschule, die von radelnden Kindern fleißig angesteuert wird. Zusammen mit den an- und abfahrenden Eltern-Taxis eine gefährliche Mischung. Die Kepserstraße aber ist keine Fahrradstraße geworden. Vielleicht könnte man hier wenigstens ein Schild anbringen: "Radeln auf eigene Gefahr".

Der ADFC hat neulich einen Fahrradklima-Test durchgeführt. Aber da muss nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass dieses fahrradfreundliche Freising nur die Schulnote 4,1 erhalten hat und damit bayernweit in seiner Ortsgrößenklasse nur auf Platz 38 gelandet ist, von 49 geprüften Städten. Im Landkreis ist Freising sogar Schlusslicht. Unglaublich. Dieser Klimatest sollte unbedingt wiederholt werden, zumal Freising ja jetzt eine Klimawette eingegangen ist und bis November 736 Tonnen CO₂ einsparen wird, wahrscheinlich. Wenn es knapp wird, muss einfach die Aktion Stadtradeln im Oktober wiederholt werden.

Irgendwann vielleicht wird einmal ein neuer Radweg gebaut und nicht nur ein Fahrbahnteiler aufgestellt werden. Ein richtiger Radweg, einer der baulich von der Straße abgesetzt ist. Oft sieht man in Freising markierte Wege mit einem aufgemalten weißen Radl. Die haben durchaus ihre Vorteile. Eltern können hier wunderbar ihr Auto abstellen, wie man täglich in der Guten-Änger-Straße vor Real- und Montessori-Schule sehen kann. Im Winter lässt sich darauf der Schnee ablagern und für die Packerlfahrer sind diese Radwege fast schon unverzichtbar. Wo sollen sie denn sonst halten?

© SZ vom 17.07.2021
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